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Orte des Tango


Von Cabarets, Spelunken, Kinos und Bordellen

von Olli Eyding (2022)

Zur Einführung

In den Arrabales, den Vierteln der Arbeiter, der Einwanderer und der Armen, erblickten Frühformen des Tango in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Licht der Welt. In Etablissements, die noch eng mit der Prostitution verbunden waren – am bekanntesten sind das Lo de Laura oder das Lo de Vasca – erlebte der Tango vor und nach 1900 seine frühen, wilden Jahre. Und in Cafés, Kinos und Tanzsälen, vor allem im Hafenviertel La Boca, profilierten die Musiker der Guardia Vieja zwischen 1900 und 1920 sich und die neue Musik. Canaro, Fresedo oder Firpo, vor allem aber das Sextett von Julio de Caro, Musiker, die man unter dem Begriff Guardia Nueva zusammenfasst, machten den Tango in den 20ern schließlich salonfähig.
Die Porteños tanzten in der Nachbarschaft, in Gemeinderäumen, in Bars und Restaurants, in Turnhallen und Sportstätten, und zum Karneval bauten die Fußballclubs ihre Stadien in riesige Tanzflächen um.

Es waren aber die großen, mondänen Cabarets, meist im Zentrum der Stadt rund um die legändere Calle Corrientes, in denen sich die Tangokultur während der Época de Oro, der Goldenen Zeit des Tango zwischen 1930 und 1950, zu ihrer vollen Blüte entfaltete.


Ab 1910, vor allem aber in den 20er- und 30er-Jahren, schuf sich die Oberschicht von Buenos Aires, wie immer voller Ehrfurcht dem Vorbild Paris nacheifernd, mit den Cabarets Orte, wo sie ihrem Stand und Reichtum entsprechend mit französischer Raffinesse feiern konnten.

Die ersten Cabarets hießen Armenonville, Montmartre, Royal Pigall oder Parisiana. Allein diese Namen erzählen von der Sehnsucht, es dem Pariser Vergnügungsviertel Montmartre gleichzutun. Aber auch das legändere Palais de Glace zählt zu dieser Liga.

Die Cabarets protzten mit luxuriösem Ambiente und boten eine abwechslungsreiche Abendunterhaltung. Die Gäste trafen sich zum Essen, zum Trinken, zum Tanzen, sie wollten sehen und gesehen werden, während – ganz in der Tradition der Pariser – gegen Mitternacht auf der Bühne ein zirkusartiges Varieté-Programm mit Jongleuren, Zauberern, Verwandlungskünstlern und Akrobaten für Unterhaltung sorgte.




INHALT


Cabarets

Chantecler

Palais de Glace

Marabú

Sontige Cabarets




Vor 1920

Academien

Lo de Laura

Lo de Vasca

Pabellon de las Rosas


Weitere Tanzorte

Clubs in den Vororten

Tanzcafés oder Confiterias Bailables


Sonstiges

Die Calle Corrientes

Tango life im Radio August 1945

Vanguardia - nach 1960

El Caño 14

El viejo almacén




Quellen:
https://jantango.wordpress.com/category/cabarets/

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Das Cabaret Chantecler

Aufstieg und Niedergang einer Institution

erstmals erschienen in TangoDanza 2017


Nobel, nobel

Das Chantecler1 zählte zu den angesehensten Häusern. Es eröffnete im Dezember 1924 in der Calle Paraná, gleich in der Nähe der wichtigsten Vergnügungsstraße, der Calle Corrientes. Sein Fassadenschmuck, eine Mühle sowie Bilder von Montmartre, verwiesen unmittelbar auf den ewigen Sehnsuchtsort Paris.

Der Bauherr, Charles Seguin, war schon länger dick im Geschäft. Er führte zuvor die ebenso angesehen Cabarets Tabaris und Casino. Das Gebäude für seinen neuen Vergnügungstempel ließ er extra im Stil der Belle Époque errichten.

Da Seguin kinderlos verstarb, übergab er das Chantecler an Amadeo Garesio und seine junge, hübsche, im Chantecler überall präsente Gattin Ritana.

Von Garesio erzählt man sich, dass er mit einer korsischen Trapezkünstler-Truppe in Buenos Aires landete, später mehrere Bordelle leitete und, da er zunehmend das Vertrauern des kinderlosen Seguin gewann, dessen rechte Hand und schließlich Erbe und Nachfolger wurde.




Die Fassade des Chantecler


Tänzerïnnen, Personal, Musiker, um 1935



Der große Salon, um 1927



Drei Tanzflächen und geräumige Logen

Auf die Gäste wartete natürlich eine luxuriöse Bar, auf einer Bühne präsentierten sich die Varieté-Künstler.

Die Tangueros konnten zwischen drei Tanzflächen wählen, die von Tischen mit loungeartigen Sesseln umgeben waren.

In den Wänden und auf der Galerie befanden sich, wie in einem Theater, zum Teil geräumige Logen, die tatsächlich so groß waren, dass die Hautevolee sogar in privater Atmosphäre tanzen konnte. Dicke rote Vorhänge schenkten Intimität, Speisen und Getränke wurden per Telefon geordert.

Zeitweise gab es sogar im hinteren Bereich des Gebäudes ein Wasserbecken, in dem junge Mädchen zum Vergnügen der Besucher Wasserakrobatik zelebrierten.



Bilder aus dem Chanteclair um 1935


Zur Eröffnung hatte Señor Charles Seguin das im Jahr 1924 angesagteste und innovativste Orchester eingeladen, das Sextett von Julio de Caro.


Doch seine große Zeit erlebte das Chantecler Ende der 30er und in den 40er Jahren als Stammhaus des Orchesters von Juan D’Arienzo.


El Rey del Compás

Hier entstand D’Arienzos neuer, energiereicher Stil, der den Tanzboom der Época de Oro anstieß, hier erhielt Juan D’Arienzo von Ángel Sánchez Carreño, genannt El Principe Cubano, den Titel El Rey del Compás.


Der Kubanische Prinz

Er führte  als singender Conférencier mehr als 30 Jahre lang durch den Abend führte, kontrollierte außerdem das Personal, überwachte das Auftreten der Bediensteten und Animierdamen, sorgte für den perfekten Sitz der Kleidung oder die Akkuratesse der Frisuren.


El Principe Cubano

Und hier noch eine wunderbare Reportage - allerdings auf Spanisch




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Illustre Gäste

Zu den Gästen, die am Eingang von einem Portier in klassischer Uniform mit glänzenden goldenen Knöpfen empfangen wurden, zählten Mitglieder der Oberschicht, Politiker, Intellektuelle, Künstler, aber auch für Touristen gehörte es dazu, im Chantecler gewesen zu sein.

Carlos Gardel ging hier ein und aus, nicht nur, weil er mit Juan D’Arienzo befreundet war, sondern auch, so erzählt man sich, weil ihn eine nicht unkomplizierte Affäre mit der oben schon erwähnten Ritana verband, der hübschen Gattin des zweiten Eigentümers und Betreibers des Chantecler. Gardel hatte seine Loge, in der er sich regelmäßig mit seinen Freunden auf die eine oder andere Flasche Champagner traf.

Zum Teil kamen die Besucher der Cabarets, die in der Regel erst um 23.00 Uhr öffneten, als Paare.

Die Mehrzahl der Gäste waren aber Männer, die einzeln oder in Gruppen durch die Nacht zogen. Auf sie warteten die Alternadoras oder Coperas, deren Aufgabe es war, von den Herren an den Tisch eingeladen zu werden und diese zu möglichst großem Konsum – und manchmal auch zu mehr – zu animieren. Sie, beziehungsweise ihre Zuhälter, erhielten am Ende des Abends (die Cabarets schlossen gegen drei bis vier Uhr morgens) auch einen prozentualen Anteil an der konsumierten Summe. Zum Höhepunkt der Tango-Kultur gab es rund 5000 bei der Stadt registrierte Alternadoras.
Übrigens hatte sich schon damals der Brauch etabliert, dass die Orchester mit La Cumparsita den Abend beendeten.


Für die Orchester der Zeit war ein Vertrag in einem der großen Cabarets ein wichtiger Schritt hin zu einer sicheren Existenz. Die Bezahlung war gut, das Engagement zog sich oft über viele Monate oder Jahre.
Die Bands spielten bis zu sechs Mal in der Woche, probten oft vor der Abendsession und konnten ihre neuen Kompositionen vor Publikum testen und verbessern. Und schlug ein Tango richtig ein, ebnete das vielleicht den Weg ins Aufnahmestudio.

Andere Verträge sahen vor, dass die Band unter der Woche im Cabaret im Zentrum der Stadt spielte, während sie am Wochenende in den großen Clubs und Tanzveranstaltungen der Vorstädte auftraten.

Die Eigentümer versuchte, Kontakte zwischen Musikern und Alternadoras zu unterbinden, was natürlich nicht immer gelang. So manche Ehe, so ein Zeitzeuge, bahnte sich hier an.


Die Mütter

Und es gab es noch eine weitere unübersehbare Besuchergruppe: die Mütter von Mädchen und jungen Frauen, die zum Tanzen gehen wollten!

Der Orchesterleiter Domingo Federico berichtet über die Salons der 40er-Jahre, dass diese einen Ring um die Tanzflächen bildeten, am auffälligsten in den Clubs der Vorstädte, während sie in den großen Salons eher in der Masse untergingen, aber sie waren immer da. Federico formuliert überspitzt über die aufpassenden Mütter: Berührte man am Ende des Tanzes auch nur ein Haar der Mädchen, dann töteten sie dich gleich – aber tanzend konntest du sie mit zu dir nach Hause nehmen.


Oscar Alemán

In der Regel spielten die Tango-Orchester abwechselnd mit einem Jazz-Orchester. Eines der größten Talente der Zeit war der Gitarrist Oscar Alemán, ein begnadeter Musiker und Unterhaltungskünstler, der ständig überall gleichzeitig auf der Bühne war, die verschiedensten Instrumente spielte und seinen Gesang spielerisch zwischen Spanisch, Französisch und Portugiesisch wechseln ließ.

Pepita Avellaneda als Garderoben-Chefin

Die Geschichten und Legenden rund um das Chantecler reichen bis in die Damengarderobe.

Diese wurde über viele Jahre bis zur Schließung von Pepita Avellaneda geleitet, einer abgesungenen Chanteuse aus der Zeit der Guardia Vieja, die um 1900 in Cafés oder Prostibulos wie dem schon erwähnten Lo de Laura auftrat und nach dem Ende ihrer Karriere im Chantecler ein Auskommen fand.





Adiós Chantecler

Dem Niedergang der Tango- und Tanzkultur im Laufe der 50er-Jahre konnte auch das berühmte Chantecler nichts entgegensetzen, es schloss 1957 seine Pforten und wurde schließlich 1960 abgerissen.

Der große Tango-Poet Enrique Cadícamo, selbst ständiger Gast im Chantecler, goss all die Nostalgie und Erinnerung in den Text des Tangos Adiós Chantecler, den Juan D’Arienzo mit dem Sänger Jorge Valdez im November 1958 vertonte. Der Tango endet mit den Worten:
Ya no queda nada y aquello no existe, ni tus bailarines
ni tu varieté. Te veo muy triste pasar silencioso,
Príncipe Cubano, frente al Chantecler.
Nichts ist mehr übrig, es gibt es nicht mehr, nicht deine Tänzer, nicht dein Varieté. Cubanischer Prinz, ich sehe dich schweigend und traurig am Chantecler vorbeischleichen.


Adiós Chantecler - D'Arienzo - Valdez 1958




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Die Calle Corrientes

Die Calle Corrientes war und ist das unbestrittene Zentrum des Nachlebens in BA.
Schon kurz nach 1900 lockte die Calle Corrientes zwischen den Straßen Esmeralda und Callao. Rund um die Uhr strömten die Porteños in die zahlreichen Cafés, Confiterias, Theater, Kinos, Buchgeschäfte. Sie galt und gilt als die Straße, die niemals schläft.

Und natürlich ist Corrientes y Esmeralda nicht irgendeine Straßenecke, nein, hier schlug für viele Jahrzehnte das Tangoherz von Buenos Aires. Carlos Gardel „El Zorzal“ verkehrte mit seinem Gitarristen Razzano im Café Guaraní, die berühmten Vergnügungstempel Teatro Maipo das Cabaret Royall Pigall oder das Teatro Odeón mit über 1800 Plätzen empfingen hier ihre Gäste. Schriftsteller, Tangomusiker, Dichter, Künstler und Nachtschwärmer gaben sich ihr Stelldichein.

Die Corrientes war zwar immer eine zentrale Achse der Stadt, doch bis zu Beginn der 30er-Jahre konnte man sich noch von Fenster zu Fenster über die Straße hinweg unterhalten, wenn nicht gerade die Tram in der engen Straßenflucht an der Bordsteinkante entlangschrappte. Wegen des rasanten Wachstums der Stadt hatte die Regierung schon 1910 anlässlich des 100-jährigen Stadtjubiläums beschlossen, die Corrientes zusammen mit anderen wichtigen Straßen zu breiten Boulevards auszubauen, damit Buenos Aires seinem Ruf als Paris Südamerikas gerecht wurde. Doch erst zwischen 1931 und 1936 fielen die Häuser der Nordseite der Verbreiterung zur sechsspurigen Avenue zum Opfer. Anstatt der heimeligen Tranvia (=Straßenbahn) rast heute die Linea B durch den Untergrund. Und auch der berühmte Obelisk streckt sich seitdem auf der Kreuzung der Corrientes mit der 16-spurigen Avenida 9 de Julio über 67 m in die Höhe. Seitdem trauern Nostalgiker und Poeten der alten Corrientes nach. Und so wundert es nicht, dass der Komponist Francisco Pracánico 1933 den über ein Jahrzehnt vorher entstandenen Text vertonte, dessen Zeilen das pralle Leben der alten Corrientes mit vielen Facetten, wenn auch voller Klischees kontrastreich lebendig werden lassen.




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Das Palais de Glace

Eispalast

Etwas außerhalb der Stadt, neben Recoleta, wo sich ursprünglich ein Radstadion befand, entstand um 1910 das Palais des Glace im an Paris orientierten Belle Époche-Stil.
Der runde Eissportpalast mit Glasdachkonstruktion, dessen obere Ebene sich mit edlen Balkons in den Zentralraum mit der Eisbahn von 21qm Durchmesser öffnete, wo die Feinen ihre Kreise zogen bei Tee, oder bei Dinner aus dem integrierte Restaurant.

Während im Keller Maschinen ratterten, um das Eis zu produzieren, beschallte neben Orchestermusik eine Orgel (Es gab ja noch keine Verstärker-Anlagen) die Eislaufenden,
Um 1910 drang der Tango langsam aus den verruchten Vierteln in die Haushalte und wurde dabei ein wenig seiner extremen Figuren, der Cortes und Quebradas, und seiner Laszivität beraubt. Als schließlich 1913 das Tangofieber in Paris ausbrach und so das Tangojahr einläutete, wurde der Tanz auch in Argentiniens Oberschicht anerkannter. Einer der wichtigsten Veranstaltungsorte war für die Hautevolee das Palais de Glace, dessen Zentralraum seit 1911 zum Tanzen genutzt wurde.
1931, im Anschluss an die Wirtschaftskrise, die den ersten Tango-Tanzrausch beendete, wurde das Palais zur Ausstellungshalle für Kunst umgebaut und wird dafür bis heute genutzt.





Das Marabú

Ist vor allem berühmt, weil Aníbal Troilo hier am 01.Juli 1937 seine Auftrittserie startete.
Später wurde es das Stammhaus von Carlos di Sarli.




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Weitere Cabarets


Tibidabo

Es ersetzte ab 1942 das Royall Pigall und war von 1942 bis 1955 geöffnet, dann wurde es eingerissen.
Das Tibidabo zählte zu den angesehensten Cabarets. Die große Tanzfläche, die nicht nur Single-Männer und Animierdamen, sondern auch viele Paare anlockte, verwandelte sich gegen Mitternacht in eine Varietée-Bühne.

Troilo eröffnete das Tanz-Restaurant 1942, bis 1955 blieb es sein Stammhaus, er spielte jeweils von April, also der Zeit nach dem Karneval, bis Dezember, ansonsten wechselte das Programm.

Die Werbung rechts zählt neben Troilo, Rafael Canaro und einem Jazz-Act zahlreiche Varieté-Nummern auf, die meist gegen Mitternacht gezeigt wurden.


Das Septet Octeto Tibidabo benannte sich in den 70ern nach diesem berühmten Cabaret.





El Ocean Dancing

Singapur

El Casanova

Es wurde 1931 eröffnet und war das Stammhaus von Demare

El Avion

in La Boca, eher von Matrosen besucht.




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Tanzcafés oder Confiterias Bailables



... in San Nicolas

gab es in den Fünzigern neun Confiterias Bailables: Domino, La Nobel, La Metro, La Cigalle, Monte Carlo, Picadilly, Sans Souci, Siglo XX, and Mi Club


Clubs in den Vororten

Club Atlanta

Gegründet 1904 im Viertel Villa Crespo. Soziales, Kulturelles, Sport sowie eine professionelle Fußballmannschaft waren hier beheimatet. Um 1940 brachten die Veranstalter für den Karneval D’Arienzo, Donato, Maffia, Pugliese, Juan Sánchez Gorio und Alberto Mancione zusammen mit  Stars aus Film, Theater und Radio auf die Bühne.
Normalerweise tanzte man zu Schellacks (=grabaciones)




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Nach 1960


El Cañ0 14 - Die Kathedale des Tango

Wenige Orte verblieben dem Tango in den Sechzigern, dies war sicher einer der wichtigsten, zumindest aus Sicht der Musik, denn getanzt wurde nicht mehr.
El Caño 14, von Troilo gefördert, wechselte dreimal das Lokal und war am Ende in Recoleta beheimatet.

Von Beginn an, in den Räumen im Keller von Talcahuano (1967-1986), standen große Musiker auf der Bühne: Atilio Stamponi, Aníbal Troilo, Horacio Salgán, Ubaldo de Lío, Roberto Grela, Enrique Francini. Dazu kamen großen Sänger: Roberto Goyeneche, Alberto Podestá, Raúl Lavié und später Rubén Juárez. Lucía Marcó, Stamponis Frau stellte die Stars vor. Die Sessions begannen um Punkt 23 Uhr und endeten in den frühen Morgenstunden. In den "Pausen" gingen die Jungs in das Cuartito, die Pizzeria nebenan.

Caño 14 war viele Jahre lang ein kommerzieller Erfolg und Synonym für den Tango. Man musste im Voraus reservieren, es war nahzu immer ausverkauft.
"Fun-Fact": Der Geiger starb mitten im Spielen hier auf der Bühne im August 1978 an einem Herzinfarkt.

1997 wurde El Caño 14 von Gloria und Rodolfo Dinzel, dem großen Tangotanzpaar, in Recoleta wiedereröffnet, es galt noch als die Kathedrale des Tangos, die großen Zeiten hatte es hinter sich.

Troilo und Goyeneche im Cano 14 1971
































El Viejo Almacén

(Das alte Lagerhaus - die ersten Zeilen von "Sentimeinto Gaucho)

1969 verwandelte Edmundo Leonel Rivero diese Räume in San Telmo  in einen "Tango-Tempel", und von diesem Moment an war EL VIEJO ALMACÉN der obligatorische Treffpunkt der übriggebliebenen Großen des Tango (Aníbal Troilo, Osvaldo Pugliese, Roberto Goyeneche) wie auch großer Persönlichkeiten, die BA besuchten, wie z.B. König Juan Carlos, Königin Sofía von Spanien oder so manche Regierungschefs.
Bis 1993 hielt das Viejo Almacén noch durch, dann musste auch diese letzte Bastion des alten Tango schließen.

Immerhin, in einem Neubaukomplex mit Restaurants und Geschäften werden seit 1996 Tangoshows aufgeführt.


Das El viejo almacén 1970


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Vor 1920


Die Akademien

http://www.raulmamone.com/2013/05/historia-del-tango-n-6-lugares-de-tango.html

Die Akademien waren weder Bordelle noch Tanzlokale.  Nach 1870 verbreiteten sie sich in Vierteln wie Barracas und Constitución und auch im Stadtzentrum.


Lo de Hansen

gegründet 1877 vom deutschen Einwander Juan Hansen am ausfransenden Rand der Stadt in Palermo entwickelte sich dieses feine Restaurant, in dem tagsüber die Familien der Upperclass zu Dinner einkehrten Abends zur Bühne für die Tangostars der Guardia Viaja. Hier traten neben Gardel - er sang damals noch keine Tangos - z. B. Firpo oder Ángel Villoldo. Seine Milonga El Esquinazo durfte er angeblich nicht mehr aufführen, weil die Besucher auf allem, was sie greifen konnten, immer wilder mitschlugen und Teile des Lokals demolierten. 1912 musste das Lo de Hansen einer Straße weichen.
Canaro erinnert in Tempos Viejos an diese frühe Institution.
Einserseits zelebriert der Film Los Muchachos de antes no usaban gomina das Lo de Hansen als frühes Tanzetablisement, andererseits bestand Firpo darauf, dass dort nicht getanzt wurde.


Lo de Vasca

Im Lo de Vasca wurde, unter den wachsamen Augen von Carlos, "el Inglés", einem "schweren" Mann, dem Ehemann der Besitzerin, jeden Abend getanzt, Männer zahlten hier drei Pesos pro Stunde, für Frauen war der Eintritt frei. Es gab nicht nur den Tanzsaal sondern auch Separés mit Prostituierten. Hier verkehrten die Söhnen der Reichen, viele waren der Welt der Jockeys und Pferderennen eng verbunden. Schlägereien und Gewalt waren in diesen noch dem Wilden Westen gleichenden Zeiten an der Tagesordnung.
Legendär war der sogenannte Z-Club, ein Zusammenschluss von rund 40 jungen Reichen, die sich regelmäßig im Lo de Vasca einmieteten, Frauen der Unterschicht dazu organisierten und, wie ein Zeitgenosse berichtet, wilde, orgiastische Partys mit Tangomusik feierten.
Zu den Musikern zählte der Pianist Rosendo Medizábal, der hier den ersten Tango spielte, von dem Noten existierten: „El entrerriano“.
In wehmütigen Zeilen besingt die Milonga En lo de Laura, 1942 von Angél D’Agostino aufgenommen, die alten Zeiten dieser frühen Tango-Legende


Lo de Laura

 In diesem  luxuriöseren Lokal, das für seine attraktiven Frauen bekannt war trank man Wermuth, es gab Tänze für Jüngere und Ältere. 
Die Hausherrin, die legendäre Laura, war eine elegante, goldbehängte, schwarzhaarige, vornehme Matrone, die mit ihrer Präsenz auch die Gesellschaft im Teatro Colón beeindruckte. Lauras luxeriöse Wohnung mit Baldachinbett und viel Fell und Pelz befand sich hinter den Gasträumen.

Angeblich waren die meisten von Lauras Frauen "behütete" Mädchen.
Und angeblich wurde hier der angeblich "erste" Tango, El Entrerriano, uraufgeführt.







Das Pabellon de las Rosas


1929 wurde das Pabellon de las Rosas abgerissen.

Bailes del Internado

Höhepunkt der Tango-Saison waren jahrzehntelang die riesigen Karnevalsfeste mit tausenden von Tänzern und über 30-köpfigen Orchestern.
Doch auch die Bailes del Internado hatten vor und nach 1920 einen legendären Ruf. Internados waren Studenten der Medizin, die sich nach dem Studium in einem Praxisjahr befanden. Sie machten ab 1914 den Tag des Frühlings, den 21. September, zum Tag der Studenten, feierten in der Stadt, fielen durch wenig geschmackvolle Umzüge und Komödienspiele auf, die Krönung der Feierlichkeiten waren die Bailes del Internado.

Für den ersten Ball am 21. September 1914 leisteten sich die Absolventen einen Vergnügungstempel der Extraklasse, den später von Angel D’Agostino im Tango selben Namens rückblickend mit Wehmut besungenen Palais de Glace (Eispalast).

Ab 1916 fanden die Bälle im Pabellón de las Rosas statt, auch dieser Tanzpalast ist Namensgeber eines wunderschönen Vals (z.B. Juan D’Arienzo, 1935). 1924 veranstalteten die angehenden Mediziner zum letzten Mal ihr legendäres Fest. Es war das elfte.

Schon für den ersten Ball von 1914 luden sich die Studenten die damals besten Tango-Combos ein: Francisco Canaro und Roberto Firpo. Diese mussten jeweils einen neuen Tango komponieren. In den folgenden Jahren entstanden für die Bälle Klassiker wie El internado, Derecho viejo (=Juristeri) oder Rawson (der Name eines Professors), aber auch Stücke mit ironischen Titeln wie La muela careada (Der kariöse Zahn) oder El Amoníaco, den ebenfalls Fresedo beisteuerte.

1919 folgte aus seine Feder El sexto für den sechsten Ball, und folgerichtig sollten sich die Studenten 1924 beim 11. Ball zu El Once vergnügen.


Zwischen den Studenten der verschiedenen Krankenhäuser herrschte ein regelrechter Wettbewerb, wer anlässlich des ‚Tages der Studenten’ die derbsten Streiche und schlechtesten Witze ersann.

Francisco Canaro berichtet in seinen Memoiren, dass die jungen Männer in der Leichenhalle den Toten die Hände abschnitten, um anschließend als Gespenster verkleidet mit den tiefgefrorenen Leichenteilen die Frauen zu verschrecken. 1924 überraschten verkleidete Studenten ihren Rektor im Schlaf, so dass dieser einen der Unruhestifter im Schrecken erschoss. Nach diesem tragischen Unfall verbot die Obrigkeit den ‚Tag der Studenten’ und damit auch die Bailes del Internado. Somit ist El Once der letzte Tango, der für diese Bälle komponiert wurde.


Armenonville

galt in der Zeit seines Bestehens von 1911 bis 1939 als eines der Luxeriösesten.
Das Hauptgebäude, eine große Villa im englischen Stil, war umgeben von Gärten mit viel Grün mit großer Terrasse, auf der viele der aristokratischen Familien  zu speisen pflegten.

Der Ballsaal im Erdgeschoss mit großem Kronleuchter mit Kristallleuchtern sowie großen Spiegeln mit Tapeten dazwischen war das Zentrum. Seitlich davon, durch rote Samtvorhänge abgetrennt, befanden sich die "reservierten Räume".

Die grandiose klassische französische Küche, die in der Regel von guten Weinen und Champagner aus Europa begleitet wurde, galt als legendär. Sowohl Carlos Gardel als auch die Orchester von Roberto Firpo, Canaro oder Juan Maglio (Pacho) spielten hier. Im Jahr 1929 wurde es abgerissen.

Tango in Conventillos

Es dauerte mehrere Jahre, bis der Tango die Höfe der Mietshäuser erreichte.  In dieser heterogenen kleinen Welt, in der in der Regel eine Familie pro Zimmer lebte, herrschte eine Atmosphäre von Arbeit und Anstand, Tango war zunächst verpönt, setzte sich aber doch langsam durch, wenn bei einer Hochzeit oder einem gemeinsamen Fest jemand die Musiker um einen "Tanguito" bat, den man dann ordentlich, ohne Cortes und Quebradas, tanzte..


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Tango life im Radio August 1945

aus der Programmvorschau von CLARIN, 2. August 1945

Das Programm Tango Cavalcade von LS4 Radio Pueblo präsentiert um  10:00 morgens Miguel Caló mit dem Sänger Raul Iriarte. In der Regel spielten die Orchester 30 Minuten life.  Um 10:30 finden wir auf LR3 Radio Belgrano Francisco Canaro mit Alberto Arenas and Guillermo Coral. Um 11:00 glänzt LR1 Radio El Mundo mit Anibal Troilo / Floreal Ruiz + Alberto Marino.  Anschließend konnte wählen zwischen Ricardo Tanturi  / Enrique Campos+ Roberto Videla in Radio El Mundo und Agustín Magaldi in Radio Belgrano.


Nach den 12-Uhr-Nachrichten sendete Radio El Mundo Tanturi, zum Dessert servierte Radio Belgrano Francisco Canaro.    Um 14.00 Uhr finden wir auf LR6 Radio Mitre das Tipica D’Alesandro mit dem Jazzorchestra Osvaldo Norton.  Um 15.00 Uhr wuselt bei Radio Pueblo José García mit seinen Grauen Füchsen aus dem Radio


16.00 Uhr nachmittags: Roberto Rufino, der gerade Di Sarli verlassen hat, singt mit einem von Atilio Bruni geleiteten Orchester auf Radio Belgrano.

Pugliese spielt auf Radio El Mundo zweimal für eine Viertelstunde Alberto Morán + Roberto Chanel.
Zum Abend erwartete die Hörer dann Ada Falcón  (Radio Argentina),  Alberto Castillo (Radio Belgrano). Osvaldo Fresedo (Radio Mundo) Am nächsten Tag gings weiter mit Juan D’Arienzo, Carlos Di Sarli, Rodolfo Biaggi.

Quelle: https://jantango.wordpress.com/category/orquestas-de-tango/page/8/


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