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Reine Magie

La Locura – Zehn Live-Orchester an einem Wochenende

(2019/aktualisiert 2022)

Über 400 Tangobegeisterte erlebten Anfang Mai in Innsbruck eine Weltpremiere, vor allem aber ein magisches Wochenende voller Musik, menschlicher Wärme und glücklicher Momente. Joachim Tschütscher, Innsbrucker Tangoveranstalter und großer Fan von Tango-Livemusik, sowie sein Partner Jakob Flarer, hatten tatsächlich zehn der zur Zeit angesagtesten Tangoorchester in die Hauptstadt Tirols gelockt. Würden die Gäste sich auf die unbekannte Musik einlassen? Ist diese geballte Energie über ein Wochenende lang aushaltbar?

Gebannt folge ich Armen, Händen, Fingern des Pianisten und Sängers Mariano Speranza vom ‚Tango Spleen‘- Orchester, das am Freitagnachmittag um 16 Uhr in siebenköpfiger Besetzung den musikalischen, emotionalen und menschlichen Rausch eröffnet, zu dem sich das La Locura-Festival in den nächsten drei Tagen entwickeln sollte.

Denn die musikalische Wucht war ein nicht endender Genuss. Ein ganz entscheidender Faktor hierfür war der Veranstaltungsort: Das erst im letzten Herbst neu eröffnete Haus der Musik verzauberte alle Anwesenden mit in warmen Holztönen gestalteter, moderner, großzügiger Architektur, einem äußerst freundlichem Personal und einem wunderbaren Tanzparkett.

Harte körperliche Arbeit

Immer noch die Tastatur des fantastischen, über fünf Meter langen Konzertflügels im Auge, kommt mir Orlando Goñi, legendärer Pianist von Aníbal Troilo, in den Sinn. Sein Spitzname war ‚El Pulpo‘, der Tintenfisch, denn seine langen Arme waren ständig scheinbar überall gleichzeitig auf der doch recht breiten Klaviertastatur unterwegs. Und das zeigt dieses Wochenende, bei dem man den Musikern die ganze Zeit auf die Finger schauen kann:

Tangomusik ist harte, körperliche Arbeit.

Nur mit extremen Crescendi, durch fast schon brutale, perkussive Spielweise, durch wuchtige Akzentuierung kann das fehlende Schlagzeug ersetzt werden, entsteht der typische Tangosound, der die Tanzenden in das Reich der Tangomagie entführt.

‚Tango Spleen‘ beherrschen dieses Wuchtige.

Aber genauso beherrschen sie die leisen Töne, das Romantische, das Verspielte, das Lustige, bieten eine breite Auswahl an Stücken, die weit über das auf Milongas Übliche hinausgeht und von den Tanzenden verlangt, sich auf die Musik wirklich einzulassen.

Und das ist eines der magischen Elemente dieses Festivals: Die Tanzfläche, die noch einen Tick größer hätte sein können, ist fast immer prall gefüllt. Die vielen guten, sehr solide tanzenden Gäste, unter denen sich erfreulicherweise keine selbsternannten Startänzer oder effekthaschenden Superstars finden, folgen mit großer Konzentration den immer tanzbaren, aber oft ungewohnt interpretierten oder auch unbekannten Titeln. Diese energetische Verbindung zwischen Bühne und Saal, die sich rasch nach dem wunderbaren Einstieg von ‚Tango Spleen‘ aufbaut, reißt über die ganzen drei Tage hinweg nicht mehr ab.

Vor der Bühne, auf sechs bestuhlten Reihen, sind gleichzeitig knapp hundert Gäste der Musik so erlegen, dass sie lieber konzentriert schauen und lauschen – oder zeichnen, wie Marion von Oppeln, die durch Zufall fast immer mit ihrem Zeichenblock neben mir sitzt

Skizzen von Marion von Oppeln, die meist neben mir saß.



















Bühne vor fantastischer Kulisse

Weil die weitläufige Bühne vor der gigantischen Glaswand platziert ist, über die der Saal sich optisch mit der Innsbrucker Altstadt verbindet, wandern die Blicke der gebannt Zuhörenden immer wieder von den Instrumenten weg zur auf der anderen Straßenseite liegenden historischen Hofburg, dem ehemaligen Regierungssitz der Habsburger, oder gleich hinauf zu den ebenso beeindruckenden, über 2.000 Meter hohen, steil aufragenden und noch verschneiten Berggipfeln, die sich unmittelbar hinter der Stadtgrenze der Hauptstadt Tirols auftürmen.

Orlando Goñi, ‚El Pulpo‘ und seine unzähligen Musikerfreunde aus der Goldenen Zeit des Tango, so sie hier anwesend wären, würden mit Ehrfurcht und großer Freude den wunderbaren musikalischen Linien, den Abwandlungen, Neuinterpretationen der von ihnen vor knapp 70 Jahren zur Vollendung gebrachten musikalischen Tradition lauschen. Und sie würden über die Vielfältigkeit und Breite staunen, mit der sich ihr Tango hier präsentiert. Denn das ist der nächste magische Baustein. Zehn ganz unterschiedliche Combos, zehn ganz unterschiedliche Sets warten auf die neugierigen Gäste  bat Joachim jeweils mit knappen, sympathisch-tiefgründig gewählten Worten auf die breite Bühne.

Große musikalische Bandbreite

Am ehesten würden sich die alten Meister sicher mit den extrem professionell und routiniert dargebotenen kraftvoll-rhythmischen Nummern von ‚Solo-Tango‘ mit dem umwerfend wuchtig-authentischen Sänger Chino W. Laborde identifizieren. Aber auch das ‚Sexteto Cristal‘, eher kammermusikalisch orientiert, sowie das ‚Quinteto Beltango‘, das den Samstagabend mit einem ersten, sehr rhythmischen, sowie mit einem zweiten, romantischen Set gestaltete, spielen nahe an den klassischen Arrangements, während ‚El Cachivache‘ wie gewohnt den alten Stücken eine rockig-rhythmische Note verpasst.

‚Los Milonguitas‘, ‚El Muro Tango‘ und ‚Tango Spleen‘ berühren das Publikum mit ihrem sehr emotionalen, feinfühligen Zusammenspiel; sie fordern die Kreativität und Offenheit der Tanzenden mit ihrer großen Musikalität, ohne den Bereich des Tanzbaren zu verlassen.

Staunen, wohin sich der Tango entwickelt hat, würden D’Arienzo und Co. bei den übrigen drei Combos, die auf jeweils eigene Art Tango weiterdenken:

‚Otros Aires‘, die in den Nullerjahren zusammen mit ‚Gotan Project‘ den Electro-Tango erfanden, beglückten Fans des Tango Nuevo, während bei dem mittlerweile verstorbenen Daniel Melingo, dem charismatischen Grenzgänger zwischen Jazz, Blues und Tango, viele vorn an der Bühne andächtig lauschend Platz nahmen und so ihren Füßen eine kleine Pause gönnten.

Zum Abschluss, als perfektes Finale dieser einmaligen Tango-Band-Party, hatte Joachim das junge Ensemble ‚Amores Tango‘ eingeplant und damit einen Glücksgriff getan, denn die Unermüdlichen unter den rund 400 Festival-Gästen, die am Sonntagabend noch anwesend waren, tanzten und tobten ausgelassen eher abseits der üblichen Tangobahnen zu den Tango-Latin-Crossover-Titeln dieser jungen Band.

Perfekter Sound

Genauso wie ich und viele andere Gäste würden die alten Meister der Época de Oro sicherlich fassungslos und voller Anbetung vor den riesigen Lautsprechern in die Knie gehen.

Denn ein weiteres magisches Element war die absolut perfekte Ton- und Lichttechnik, die die Veranstalter sich und den anwesenden Gästen für viele tausend Euro gegönnt hatten – genau passend zu diesem neuen Konzertsaal mit seiner warmen Akustik, passend zu dem beeindruckenden Konzertflügel und natürlich gerade angemessen für die Menschen hinter den Instrumenten und Mikrophonen, die oft genug unter den mageren Möglichkeiten vieler Veranstaltungsräume leiden, in denen sie sonst so auftreten. Viele von ihnen betonten im Nachhinein, dass sie noch nie so perfekte Bedingungen vorgefunden hatten.


Ein Encuentro für Musikerïnnen

Denn nicht nur die Gäste erlebten hier im Zentrum Innsbrucks etwas Einmaliges, auch die rund 50 Musikerinnen und Musiker, die sonst immer alleine mit ihren Bands auf Tour sind, genossen es, sich gegenseitig zu inspirieren, die vielen Wege der Tangomusik hautnah zu erfahren oder sich im bewusst sehr  großzügig und angenehm gestalteten Backstage-Bereich auszutauschen oder miteinander zu improvisieren, sodass einige mit den neugewonnenen Freunden am nächsten Tag spontan auf die Bühne sprangen.

Der Direktor des Hauses der Musik, dem die Welt des Tango bisher nicht geläufig war, ließ sich nahezu das ganze Wochenende in den Bann der Bands ziehen und zog als Fazit, dass er noch nie so viele glückliche Menschen bei einem Festival erlebt hatte. Und das ist sicher auch der Grund, warum Joachim, der das Veranstalten von Live-Events als leidenschaftliches Hobby betreibt, und das Team von La Locura sich 2020 erneut in dieses extrem zeit-, aber auch geldaufwändige Abenteuer stürzen werden.

Nach Corona-bedingter Pause fand das Festival im Herbst 2021 erneut als rauschendes Fest statt, die nächste Runde ist im Mai 2022.