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Tangotunes - Die Retter des Tango Argentino

(von Olli Eyding)
Erschienen in Tangodanza 03/2016

Der bestmöglichen originalgetreuen Digitalisierung von tanzbarer Tango-Musik und damit der Bewahrung des musikalischen Erbes des Tango Argentino auf höchstem Niveau haben sich die Mitglieder des österreichisch-argentinischen Projekts TangoTunes verschrieben.


Ein Tango-DJ vergleicht in der Regel zahlreiche CD-Veröffentlichungen eines Tangos, bis er eine Version in zufriedenstellender Qualität gefunden hat. Seit zwei Jahren ist fast immer TangoTunes die erste Wahl, sieht man von nur schwer erhältlichen japanischen Veröffentlichungen ab.


Das Team von TangoTunes


Gründer von TangoTunes ist Christian Xell, in der Szene bekannt als Don Xello. Er ist Geschäftsmann, Tänzer, DJ, Veranstalter von Milongas und er leitet das Restaurationsprojekt TangoTunes. 2004 begegnete er dem Tango Argentino und war sofort Feuer und Flamme. Als ehemaligen Ballett-, Jazz- und HipHop-Tänzer interessierte ihn natürlich der Tanz, die Musik fesselte ihn aber noch viel mehr. Diese Begeisterung führte zur Gründung des Labels und treibt das Team bis heute unverändert an. Denn auch wenn TangoTunes die restaurierten Digitalisierungen zum Verkauf im Online-Store anbietet, werden dadurch Investitionen und laufende Kosten nicht annähernd gedeckt. Don Xello fasziniert es außerdem, durch das professionelle Digitalisieren und Archivieren der (Tango-)Welt etwas Bleibendes zu hinterlassen. Es gibt in Argentinien keine staatlichen Institute oder Einrichtungen, die mit vergleichbarem Aufwand und Wissen dem mysteriösen Medium Schellack alle Geheimnisse zu entlocken versuchen. Somit füllt TangoTunes als private Initiative diese Lücke.


Seit 2008 verbrachte Christian Xell jedes Jahr jeweils einige Monate in Buenos Aires und stöberte dort nach Tangoplatten. Als ihm eine große Sammlung angeboten wurde, griff er zu, und so kam eins zum anderen. Zusammen mit Sabine Melnicki und dem audiophilen Hifi-Freak Martin Haslehner begann er zunächst Schallplatten in Argentinien zu digitalisieren. Schellacks ließ Tangotunes durch die argentinische Stiftung TangoVia bearbeiten. Da das Team mit deren Qualitätsstandards nicht zufrieden war, digitalisieren sie seit 2014 auch Schellacks selbst.


Es darf knistern


Ein erster Qualitätssprung gelang Anfang 2014 unter Federführung von Martin Haslehner mit der Veröffentlichung von 84 Aufnahmen von Angel D’Agostino in bisher ungehörter Qualität, die auch bei professionellen Audiotechnikern größte Anerkennung fand. Eines der Geheimnisse: Weitgehender Verzicht auf digitale Bearbeitung. Zwar knistert es, dafür kann sich die Musik der Schellack ganz anders entfalten.


Die Golden Ear Edition


Im Herbst 2014 stieß Christian Tobler aus Zürich zum Team und hob die Produktionsstandards und das technische Wissen auf ein bis dato unerreichtes Niveau. Dies gelang vor allem dank der Verpflichtung des herausragenden Sound Engineers Andrew Hallifax.

Sechs Monate wurde experimentiert, getüftelt, ausprobiert. Welche Tonabnehmer passen am besten zu den Eigenarten der Schellacks, wie sieht eine geeignete Verstärkerkette aus, welche Möglichkeiten der Bearbeitung sind möglich, die den Klang nicht verändern. Anhand von Blindtest-Hörreihen entschied das Team, welche technische Lösung zum überzeugendsten Ergebnis führt. Das Ergebnis waren die sogenannte Golden Ear-Editionen: In der Regel vollständige Sammlungen der tanzbaren Musik der großen Orquesta típica in bisher ungekannter, dem originalen Klang möglichst nahe kommender Qualität. Zum Kauf angeboten wird diese Musik nur noch in zwei unkomprimierten Formaten, eine HiRes-Version im FLAC-Format sowie eine CD-Version im AIF-Format.


Der Restaurationsprozess


Aufnahmen erfolgten von 1927 bis 1950 im Direktschnittverfahren. Die Musiker, die in der Regel mehrmals die Woche in Milongas spielten, versammelten sich im Tonstudio um meist genau ein Mikrophon. Die Platzierung im Raum entschied über Präsenz und Lautstärke von Instrumenten und Sänger. Die Musik wurde von einem High-Tech-Gerät, das von RCA Victor aus den USA bezogen wurde, direkt in warmes Wachs geschrieben, das durch Bedampfen mit einer Metallschicht haltbar gemacht wurde. Von diesen Mastern nahm man die Formen ab, mit denen anschließend die Schellacks produziert wurden. Leider wurden nahezu alle Master in den 60er-Jahren vernichtet, gut erhaltene Schellacks und Schallplatten sind die letzten verblieben Quellen.


TangoTunes besitzt mittlerweile über 2000 Schellacks und 5000 Schallplatten, Duplikate nicht mitgerechnet, von denen es teilweise bis zu 200 gibt. Für die meisten der großen Orchester liegen für die Zeit zwischen 1930 bis Ende der 40er Jahre vollständige Sammlungen vor. Bei einigen Orchestern wie Rodríguez oder Donato ist die Anzahl leider sehr überschaubar. Wie übrigens auch die Sammlerszene in Buenos Aires: Es gibt rund 20, meist ältere Sammler, die ihre Begeisterung für die Musik eint, die aber wenig Sinn für Musik-Restauration, ja nicht einmal für Schellack-Lagerung oder Ähnliches haben.


Schellacks werden zunächst gereinigt, fotografiert und anschließend in speziellen Hüllen archiviert. Die Lagerung erfolgt in Buenos Aires, aber auch in Wien. Die in den Jahren aufgebaute Datenbank umfasst mittlerweile über 10.000 Datensätze.

 

Um eine Schellack zu digitalisieren, reicht es nicht, sie mit hochwertigem Gerät abzuspielen und das Ergebnis in digitale Daten umzuwandeln. Dies hat mehrere Gründe:

-    Bis 1939 war die Grundstimmung der Orchester etwas tiefer, der Kammerton A lag bei 434 Hz, erst ab 1940 bei 440 Hz. Viele frühere Digitalisierungen sind daher zu schnell eingespielt und klingen zu hoch und gequetscht. Als Restaurator muss man also zunächst den richtigen Pitch, d.h. die richtige Abspielgeschwindigkeit finden.

-    Die mechanischen Möglichkeiten der Schellack verlangten gewisse Eingriffe in das Klangbild, die beim beim Digitalisieren wieder rückgängig gemacht werden müssen: Tiefe Töne bedingen in der Tonrille einen großen Ausschlag der Nadel. Um die Rille nicht zu zerstören und die Übertragung anderer Frequenzbereiche nicht zu beeinträchtigen, wurden daher tiefe Frequenzen gedämpft und hohe entsprechend angehoben. Erst um 1950 wurden diese Kurven standardisiert (RIAA). Die richtige Kurve zu finden ist aufwändig und schwierig. Besonders kreativ waren die Aufnahmemeister von Pugliese. Um diesem Problem Herr zu werden, experimentieren die Freaks von TangoTunes neben vielem anderen sogar mit eigens konstruierten Röhren-Vorverstärkern. Den extremen Qualitäts-Anspruch erkennt man auch daran, dass die Pugliese-Restaurationen von Ende 2015, die für jeden Laien ein Klangerlebnis sind, noch einmal mit besseren Parametern und besserer Technik neu veröffentlicht werden sollen.

-    Schellacks knistern leicht. Denn das Material enthält schleifende Komponenten, um die Nadel in Form zu halten. Betroffen davon sind vor allem die ersten zehn bis 15 Sekunden einer Aufnahme. Klanglich schwierig ist auch das Ende: Der Tonarm läuft in schlechterem Winkel, gleichzeitig reizt das klangliche Finale vieler Instrumente die Möglichkeiten der Schellackrille bis zum Anschlag aus, große Verzerrungen sind unvermeidbar. Üblicherweise wurden all diese Fehler standardisiert mit Filterprogrammen entfernt, denen viele Klangdetails, oft aber auch die ganze Musik zum Opfer fielen. Für die Golden Ear Editionen verzichtet TangoTunes vollständig auf automatisches Filtern und entfernt Kratzer und Knistern nur manuell.


Das Ergebnis all dieser Bemühungen: Haute Cuisine statt Fast Food. Eine musikalische Umarmung statt verzerrtes, aufdringliches Scheppern. Stimmen klingen natürlich und schweben im Raum, der Bass ist präzise aufgelöst, die einzelnen Instrumente hüpfen klar unterscheidbar aus dem Orchesterklangbild heraus, die Aufnahmen haben einen viel größeren Dynamikumfang als die bisher auf CD gepressten. Wer diesen Hörgenuss einmal gekostet hat, gibt sich mit üblichem Tango-Konserven-Futter nicht mehr zufrieden. Das leichte Knistern geht in diesem musikalischen Feuerwerk schnell unter.

Jeder kann sich selbst davon überzeugen. D’Agostino, D’Arienzo, Calo, Pugliese, Tanturi und viele andere stehen auf www.tangotunes.com als Hörprobe bereit, die Tangos können einzeln für 1,49 Euro oder im Rahmen von Zusammenstellungen etwas günstiger erworben werden. Die Produktion von CDs ist geplant. TangoTunes hat eine große Fan-Gemeinde und zahlreiche Käufer verdient.