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Orquesta Típica Ángel D'Agostino

Eleganter Minimalismus zweier Engel

Ángel D'Agostino

25 Mai 1900 - 16 Jan 1991


Status

minimalistischer Melodiker

Aufnahmen:

142

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Stil

elegant, melodisch, zurückhaltend

Merkmale

luftig, leicht ruhig

Größte Hits:

Adiós arrabal (1941)

La nueva Vecina (1945)

Einziger Sänger:

Ángel Vargas

Bedeutende Musiker:

Piano:        ÀngelD'Agostino

Bandoneon: Alfredo Attadia, Eduado del Piano

Geige:         Alberto de Bagno






Der elegante Minimalismus zweier Engel

Ángel D’Agostino zählt zwar nicht zur allersten Reihe der Orchester, seine Aufnahmen sind aber durchgehend von herausragender Qualität. Es wundert nicht, dass er 1943 im Wettbewerb Ronda del Ases den Titel Bester Orchesterleiter des Jahres erhielt. Und natürlich lieben wir diese reduzierte, zurückgeschraubte Musik wegen Ángel Vargas, dem zweiten Engel, dessen Stimme sicher zu den schönsten der Jahre um 1940 zählt.


Der D’Agostino-Stil:

Während fast ganz Buenos Aires immer noch mit schnellen Aufnahmen dem D’Arienzo-Stakkato hinterherhechelte, etablierte D’Agostino mit seinem neuen Orchester gleich mit der ersten Aufnahme, No aflojes, am 13.11.1940 seinen Stil, nämlich eine von kaum einem anderen Orchester jemals erreichte Entspanntheit.

Diese maximale Lässigkeit beruht einerseits auf dem weichen, eleganten Gesang von Ángel Vargas, zum anderen auf den feingestrickten, minimalistischen Arrangements, interpretiert von herausragenden Musikern. Eine schicke Bar tut sich da vor uns auf, wuchtige Ledersessel in elegantem, gedämpftem Licht, bernsteinfarbener Whisky, ein Ort ohne Hektik, voller Eleganz.

No Aflojés
Fernando Sanchez - Ariadna Naveira -Florenz - 2019





Adios Arrabal
Agustina Piaggio & Carlitos Espinoza.




D’Agostinos Musik lebt von der Zurückhaltung, der Reduktion.
Glasklar gespielte Instrumentalphrasen scheinen wie leicht geführte Pinselstriche die harmonische und rhythmische Struktur der Tangos nur zu skizzieren.

Als Meister des Understatements erzählen die Musiker subtil phrasierend mit einem Minimum an Instrumentierung alle Emotionen und Geschichten, die in den dreiminütigen Tango-Miniopern stecken, ohne jemals die Tanzenden zu vergessen.


Die Musik hat wegen ihrer luftigen Textur oft etwas Flüchtiges. Insgesamt dominiert das Melodische, der Rhythmus entsteht dabei scheinbar nebenbei, der Compás hüpft, oft nur angedeutet, immer aus irgendeiner Ecke des Arrangements hervor.

D’Agostino, der als einer der wenigen Orchesterleiter selbst leidenschaftlich gerne tanzte, wusste, was Tanzende wünschen. Nichts scheint unbeabsichtigt oder ohne Funktion zu sein, alles trägt zum Voranschreiten der musikalischen Geschichte bei.

So entsteht eine zurückgehaltene Kraft mit oft überraschender Tiefe. Teil der Zurückhaltung ist auch der Verzicht auf ausgeprägte Soli, und auch dominante Variaciones passen nicht wirklich in dieses sehr entspannte musikalische Konzept. Typisch für D‘Agostinos Arrangements ist eine besonders ausgeprägte Frage- und Antworttechnik, die unter anderem auf dem zurückhaltenden Klavierspiel des Meisters selbst aufbaut. Der luftige Klang des Orchesters entsteht ja gerade dadurch, dass D‘Agostino im Gegensatz zu vielen anderen Tangopianisten nahezu völlig darauf verzichtet, mit Akkorden oder kräftig geschlagen Tönen der tiefen Register im Bass einen wuchtigen Beat aufzubauen. Stattdessen beschränkt er sich darauf, mit kurzen, glitzernden Einwürfen auf Geigen- oder Bandoneon-Motive zu antworten oder in den kurzen Pausen zwischen den Phrasen kleine Akzente zu setzen.


Aber auch die Geigen und Bandoneons tauschen sich immer wieder in kleinen Minidialogen miteinander aus. Wahrscheinlich haben manche deswegen auch das Gefühl, diese Musik würde beim Tanzen unmittelbar mit uns Tanzenden sprechen. Und die Intimität dieser Musik überträgt sich natürlich auch auf die Umarmung.


Eine musikalische Familie

D’Agostino wuchs in einer wohlhabenden Familie auf. Schon der Vater glänzte als klassischer Pianist, und so genoss auch der Sohn eine exzellente Ausbildung am Klavier.

Schon bald galt er als Wunderkind der Tasten, die Familien der High Society empfahlen ihn untereinander weiter, Auftritte im schlossgleichen Salon des Super-Aristokraten Martín Saturnino Unzué, der seiner Verlobten zur Hochzeit einen Stadtpalast schenkte, für den sich auch europäischen Monarchen nicht hätten schämen müssen, begründeten D’Agostinos lebenslange Verbindung zur High Society. Das junge musikalische Genie brach früh die Schule ab, um sich ganz der Musik, und zunehmend auch dem Tango zu verschreiben.


Eher als Anekdote muss man wohl Auftritte des Zwölfjährigen mit einem Trio in der Nachbarschaft einordnen. Die Geige spielte übrigens ein anderer berühmter Bengel der Tangogeschichte, Juan D’Arienzo.


Kurz nach 1920 finden wir D‘Agostino in einem Orchester, das sowohl Tango als auch Jazz, also Ragtime und Ähnliches, spielte, und vor allem wegen seiner Ausgelassenheit und dem großen Spaßfaktor sehr beliebt war. Er war in den Zwanzigern mit verschiedenen Formationen vor allem in Theatern und Stummfilmkinos aktiv, hatte zeitweise sogar einen Vertrag für Auftritte im legendären Upperclass-Vergnügungstempel Palais de Glace und behauptete selbst im Interview, dass es auf seine Idee zurückgeht, seit 1925 Stummfilme mit Tangomusik zu begleiten, was ab 1925 Lebensgrundlage für viele Sextette dieser Jahre, vor allem aber für des berühmten Sextett von Julio de Caro wurde.


Das 1934 gegründete eigene Orchester erspielte sich 1936 schließlich ein Engagement im berühmten Cabaret Chantecler, doch erst 1940 erreichte D’Agostino mit einem Vertrag bei RCA Victor den Tango-Musiker-Himmel. Bis zur 1947 entstanden zunächst 106 Aufnahmen.


Von 1951 bis 1962 tat sich D’Agostino mit den Sängern Rubén Cané und Tino García sowie dem Bandoneonspieler und Arrangeur Máximo Mori zusammen und stellte noch einmal ein Orchester auf die Beine. Die meisten dieser drei Dutzend Aufnahmen stoßen heute allerdings auf weniger Begeisterung, weil sie, dem Zeitgeschmack geschuldet, doch sehr ins Schwammig-Geigige abdriften.



D‘Agostino privat

Als einer der ganz wenigen Orchesterleiter tanzte D‘Agostino selbst leidenschaftlich in den Salons und Cabarets der Stadt. Das ist sicher mit ein Grund dafür, dass seine Musik immer das Wohl der Tanzenden im Auge hat.

D’Agostino war ein ausgesprochen eleganter Bohemien. Er liebte das Nachtleben, ging in den Clubs der Aristokraten ein- und aus und frönte dem Pokerspiel. Der eingefleischte Single schwor zusammen mit seinem Jugendfreund Enrique Cadícamo in einem lebenslangen Pakt dem Eheleben ab – und verzieh Cadícamo angeblich nie dessen späte Ehe.


Als echter Porteño verließ D‘Agostino trotz guter Angebote seine Heimatstadt nicht ein einziges Mal und verzichtete im Gegensatz zu vielen anderen Orchestern auf Tourneen durch die Provinz oder das südamerikanische Ausland. 1962 beendete D’Agostino seine musikalische Karriere, aber nicht seine Leidenschaft für das Nachtleben. Er verstarb am 16.01.1991 in Buenos Aires.


Das Orquesta Típica

Miguel Calós Orchester trug den Beinamen Das Orchester der Stars. Aber auch D’Agostinos Fomationen hätten diesen Titel verdient, denn zahlreiche Musiker aus seinen Reihen gründeten später eigene Orchester und prägten die Tangokultur der nächsten Jahrzehnte wesentlich mit.

Neben herausragenden Bandoneonisten wie dem Kommunisten Ismael Spitalnik oder Maxímo Mori und Meistern der Violine, allen voran Bernardo Weber und Victor Braña – beide waren später Teil der herausragenden Geigen-Sektionen bei Alfredo de Angelis und Fulvio Salamanca - stechen drei Musiker besonders heraus:


Alfredo Attadía (1914-1982)

Seit 1939 prägte er als erstes Bandoneon und Arrangeur in enger Zusammenarbeit mit D’Agostino den zurückgenommenen Stil des Orchesters und komponierte einige der ganz großen Hits wie Tres esquinas, El Yacaré, oder Entre copa y copa.

Weil er sich größeren Reichtum und Ruhm als Leiter eines eigenen Orchesters erhoffte, verließ er Mitte 1943 D‘Agostino und suchte zusammen mit dem Sänger Ángel Vargas sein Glück auf der anderen Seite des Río de la Plata in Montevideo.


Doch die Engelsstimme kehrte bald nach Buenos Aires zurück, um das Dreamteam mit D‘Agostino fortzusetzen. Attadía leitete mehr oder weniger erfolgreich heute weniger bekannte Orchester und begleitete Gesangsstars wie Armando Moreno oder die charakteristische Gigolo-Stimme von Enzo Valentino, mit dem er dessen Superhit Cualquier cosa aufnahm.

Nach dem Sturz des diktatorisch regierenden Volkstribuns Perón im Jahr 1955 musste Attadía allerdings Argentinien den Rücken kehren. Zahlreiche Tangueros waren eingefleischte Peronisten, doch Attadía komponierte sogar zu Ehren des seit Mitte der Vierziger Jahre populistisch regierenden Generals den Marsch Peronista oder, mit dem Sänger Héctor Pacheco, einen Tango namens Descamisado. Dieser von Evita geprägte Propaganda-Begriff steht für die Ärmsten der Armen Argentiniens, denen sogar das letzte Hemd genommen worden war. Attadía fand von 1955 bis zu seinem Tod 1982 in Caracas/Venezuela Asyl.


Eduardo del Piano

Nach dem Verlust Attadías und zahlreicher weiterer Musiker 1943 stellte D’Agostino schnell ein neues Orchester auf die Beine, in dessen Zentrum der Arrangeur und virtuose Bandoneonspieler Eduardo del Piano stand. Dieser unruhige Geist prägte in seinem Leben den Klang von über 20 Orchestern, leitete immer wieder eigene Formationen und wurde – ja, das gab es tatsächlich – Präsident der Vereinigung der argentinischen Bandoneonspieler; Ehrenpräsident war später übrigens Ástor Piazzolla.


Wie viele andere Musiker der zweiten Reihe versuchte er sein Einkommen mit Kompositionen aufzubessern, die erfolgreichste ist der wunderbare D‘Agostino/Vargas-Hit “Esta noche en Buenos Aires” (1944).


D’Agostino scheint kein guter Arbeitgeber gewesen zu sein, denn auch das neue Orchester hielt nur drei Jahre. Angesichts des schwindenden Erfolgs wuchsen die Probleme der Musiker mit ihrem Chef, der das Leben eines Bohemien liebte. 1946 verließ Del Piano mit einem Großteil der Musiker den großen Meister der Eleganz.


Alberto de Bagno

Von 1943 bis 1945 warf Alberto de Bagno die luftigen Melodielinien, die präzisen Pizzicati oder die dynamisch elegant pulsierenden Geigeneinwürfe wie angedeutete Skizzen in das filigrane Geflecht der zurückgenommenen Klangtextur dieses Orchesters. De corte criollo (1945), eines der wenigen Instrumentalstücke, lebt von der subtil-virtuosen Musikalität der Orchestermitglieder dieser Jahre.
Alberto de Bagno zog schon 1945 weiter.


Seine herausragende musikalische Qualität spiegelt sich darin wider, dass er in den nächsten Jahrzehnten die Erste Geige in Orchestern von Armando Pontier über Astor Piazzolla bis hin zum Sexteto Mayor spielte oder den Opernstar Placido Domingo begleitete. Er war jahrzehntelang Mitglied der Stammorchester von Radio Splendid und dem TV-Sender Canal 9 wie auch der legendären TV-Serie Los Valores del Tango und stand noch auf der Bühne, als der Tango in den Achtzigern wiederauferstand.





Ángel Vargas

El Ruiseñor (=Nachtigall), so sein Spitzname, zählt sicher zu den größten Stimmen des Tango. Alle Kritiker sind sich einig, dass sein glasklarer, lieblich phrasierter Engelsgesang der wichtigste Baustein für den Erfolg des Orchesters ist.

Ganz im Gegensatz zu D’Agostino war Vargas Kind einer armen Arbeiterfamilie. Er schuftete in  La Negra, Dies war eine der gigantischen Fleischfabriken nahe der Dockanlagen in der Nähe der Mündung des Rayuela im Einwanderviertel La Boca.

Das Naturtalent versüßte schon in der Fabrik seinen Genossen das Dasein mit seinem wunderbaren Gesang, doch erst, als er in den Mittzwanzigern war, versuchte er einen Neustart als Sänger. Allerdings war damals, Anfang der Dreißiger Jahre, das Auskommen für Musiker kein Zuckerschlecken. Um zu überleben, verdingte sich der Engel mit der Glockenstimme bei mehreren Orchestern gleichzeitig, und lernte 1934 bei einem der Gigs D‘Agostino kennen.

Auf Schellack nachhören können wir seine Stimme erstmals auf den drei Aufnahmen, die 1938 für das Orquesta Típica Victor entstanden, darunter der schöne Tango Adiós Buenos Aires oder der wunderbaren Vals Sin rumbo fijo.


1940 schließlich fand Vargas in den sparsam-zurückhaltend arrangierten Klängen D’Agostinos das für ihn perfekte musikalische Umfeld für seine Stimme, die Männlichkeit und Sensibilität auf wunderbare Weise kombiniert, sodass die Texte, auch das ist eine Besonderheit dieses Sängers, genauso fein und glasklar im Raum stehen wie die Melodielinien der Musiker. Der Rest ist Tango-Geschichte.

Im Herbst 1946 trennte sich Vargas nach 93 gemeinsamen Aufnahmen und startete seine erfolgreiche Solokarriere.


Seinen Spitznamen El Ruiseñor de las calles porteñas erhielt er aber erst nach der Trennung. Es war der Moderator Raúl Astor, der ihm diesen Titel bei seinem ersten Auftritt als Solosänger verpasste.

Adiós Buenos Aires - OTV (1938)
Club Gricel - BA 2017








D’Agostino für Tänzer


Klassiker mit Vargas

D’Agostino blieb seinem Stil, den er 1940 etabliert hatte, nahezu durchgehend treu, im Gegensatz zu den meisten anderen Orchestern ändern sich Tempo und Energie-Niveau kaum.


Herausragende Tangos der ersten Jahre sind z.B. No aflojes oder Muchacho von 1940, im nächsten Jahr entstanden Adiós arrabal, El Choclo , Tres esquinas, Ahora no me conocés, Una Pena oder Agua florida. Um die herzzereißenden Geigensoli richtig genießen zu können, sollte man auf die Versionen von www.tangotunes.com zurückgreifen.

Auch das Mitte 1943 neu zusammengestellte Orchester bewahrt trotz vieler neuer Musiker das Markenzeichen des Orchesters, die elegante Zurückhaltung.


Besonders schön perlen La nueva Vecina, Palais de Glace, Mano Blanca aus dem Jahr 1944 oder Shusheta, No vendrás und Rondando tu esquina von 1945.


Instrumentale

Ángel D’Agostino ohne Ángel Vargas?

Ja, das funktioniert. Ziemlich gut sogar! Tangos wie La chiflada (1942), Gran muñeca (1943), De corte criollo (1945) oder Racing Club (1946) verführen mit ihrer liebevollen filigranen Musikalität.


Dass er auch in den Fünziger Jahren noch ernsthaft mitspielte, als vor allem der Bondoneonspieler Máximo Mori für Klang und Arrangements des Orchesters zuständig war, beweist das herausragende Café Dominguez (1953). Mit der legendären, intensiv von Julián Centeya vorgetragenen Glossa landet dieser wuchtige instrumentale Tango regelmäßig in den Playlists.


Valses

D’Agostinos zurückhaltende Attitüde entfaltet sich in der Beschwingtheit des Vals nicht ganz so schlüssig, vielleicht gibt es daher auch nur fünf Aufnahmen im Dreivierteltakt. Yo tengo una novia (1942) und Tristeza criolla (1945) sind schwungvoller, Esquinas Porteñas (1942), Que me pasará (1943) und El espejo de tus ojos (1944) sind lieblich verspielt, vielleicht aber auch etwas harmlos.


Milongas

Die rhythmisch freiere und verspieltere Phrasierung von Ángel Vargas vergoldet zwar die Tangos, die meisten der 7 Milongas des Orchesters wirken dadurch aber etwas schwammig und energielos, das Erdige und etwas Dreckigere dieses Genres entfaltet sich zu wenig. Erfahrenere werden dennoch mit Genuss zu En lo de Laura (1943) oder Señores, yo soy del centro (1945) entspannte Traspiés aufs Parkett trippeln.


A pan y agua
Максим Извеков и Елена Кузнецова 2. Fernet Night. 2016
eine besonders schräge Nummer mit Sprechgesang und Milonga-Break nach wilden Klavierklimpern




Tres esquinas
Oscar Casas & Jesica Arfenoni - Portland -  2020




Muñequita (1944)

mit vielen Bilder von den Engeln und ihrem Orchester.



Café Dominguez
Javier Rodriguez & Fatima Vitale- TanGo to İstanbul 2019
einer D'Agostino-Titel, der regelmäßig für Showauftritte gewählt wird.