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Orquesta Típica Enrique Rodriguez

und sein Orquesta de todos los ritmos

*8.31901 - +4.9.1971

Status

Orchester vieler Stile

‚El rey del Fox‘

Aufnahmen:

rund 350

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Stil

einfach, rhythmisch, fröhlich

Merkmale

der Schlussakkord fehlt

Größte Hits:

Tengo mil novias (1939), Son cosas del bandoneón (1939)

Einzige Sänger:

Robert ‚El Chato‘ Flores (1907 - 1981)
Armando Moreno (1921 - 1990)

Bedeutende Musiker:

- Piano:ÀngelD'Agostino

- Bandoneon: Alfredo Attadia, Eduado del Piano

- Geige: Alberto de Bagno







Die Sentenz, Tango sei ein trauriger Gedanke den man tanzen kann, verbindet wohl kaum jemand mit der Musik von Enrique Rodríguez und seinem ‚Orquesta de todos los ritmos‘.
Mit lockeren, fröhlichen, beschwingten und zwischendurch auch durchaus mal albernen Nummern füllten die versierten und extrem vielseitigen Musiker Cabarets, Tanzclubs und – im Karneval – auch Sportstadien.

‚Bailar todos los ritmos‘ war der Slogan des Orchesters.

Entsprechend beschränkte sich das Repertoire nicht nur auf rund 130 Tangos, 40 Valses und 15 Milongas. Die Fans liebten und lieben genauso die lustigen, lebhaften und leichtfüßigen Märsche, Polkas, Pasodobles, Corridas, vor allem aber die 68 Foxtrotts, die heute noch als Milonga-Ersatz einem Tangoabend lockere Beschwingtheit einhauchen können und Rodríguez den Titel ‚König des Foxtrotts‘ sicherten. Entsprechend sind, für ein Tango-Orchester untypisch, Klarinette, Posaune und Schlagzeug Teil des Orchestersounds. Mit großer Freude saugte Rodriguez auch weltweit Liedgut wie Wiener Walzer, ungarische Tänze oder kolumbianische Cumbia auf, um diese als Tango- oder Foxtrott-Arrangements kommerziell sehr erfolgreich zu verwerten.


Auch wenn, vor allem in Argentinien, manche Tangopuristen das ‚Orquesta des todos los ritmos‘ angesichts dieser ‚Sünden‘ naserümpfend ablehnen, garantieren die positive Energie, die klare, abwechslungsreiche Rhythmik sowie die beiden herausragenden Sänger Roberto Flores und Armando Moreno auch heute unbeschwertes Tanzen, sodass Rodríguez einen festen Platz in den Milongas rund um die Welt hat.

Das Orchester aller Rhythmen

Wie viele andere begann Enrique seine Karriere als Bandoneon spielender Begleiter von Stummfilmen im Kino der Nachbarschaft. Doch erst nach langen, wechselhaften Jahren in verschiedenen Orchestern – wobei die Zeit beim lustig-lebendigen Rhythmiker Edgardo Donato sicher am prägendsten war – ging der vielseitige Musiker, der gleichermaßen Bandoneon, Klavier und Geige spielte, Mitte der Dreißiger eigene Wege. Zunächst begleitete er 1934 mit einem Trio den später als Sänger von Aníbal Troilo legendären Francisco Fiorentino. 1935 lieferte sein Quartett die Harmonien für die Sängerin María Luisa Notar, die er noch im gleichen Jahr heiratete.
Im folgenden Jahr stellte er schließlich gemeinsam mit bisherigen musikalischen Weggefährten sein ‚Orquesta de todos los ritmos‘ zusammen. Zwar warfen auch andere Orchester wie z.B. das ‚Orquesta Típica Victor‘, Osvaldo Fresedo, Francisco Canaro oder Edgardo Donato regelmäßig ‚otros ritmos‘ auf den Markt, doch kein Orchester verstand sich so konsequent als Tanzorchester aller Rhythmen wie das von Rodríguez. Das war sicher auch ein Grund, warum es gerne gebucht wurde, kamen die Veranstalter so doch mit einem Orchester aus; denn normalerweise spielten die Tango-Formationen immer im Wechsel mit einem anderen Orchester, das unter dem Namen ‚Jazz‘ oder ‚Tropical‘ firmierte und mit Cumbia, Corridas, Polkas, Foxtrotts und anderem einen frischen Gegenpol zum ruhigeren Tango bildete.
1937 stieß Roberto ‚Chato‘ Flores, der erste wichtige Sänger, dazu. Es folgten Auftritte im Radio, im Karneval beim Fußballclub Atlético River Plate und schließlich der existenzsichernde Plattenvertrag beim Label Odeón, dem Rodríguez bis zu seinem Lebensende 1971 verbunden blieb.
Ein glückliches Händchen bewies Rodríguez, als er seinen zweiten Sänger, den erst 18-jährigen Armando Moreno entdeckte, dessen sonore Stimme wir bis heute wie keine andere mit diesem Orchester verbinden. Die Aufnahmen mit seinen zahlreichen Nachfolgern wie z.B. Ricardo Herrera oder Fernando Reyes überzeugen heute kaum mehr. Rodríguez gelang es aber durchaus erfolgreich, auch in den ‚dunklen‘ Tangojahren nach 1955 sein Orchester am Leben zu halten. Er stand bis wenige Monate vor seinem Tod 1971 auf der Bühne.

Tanzmusik pur

Der Meister der vielen Stile verstand sich nie als Avantgarde, er wollte, dass seine Fans tanzen, sich amüsieren und einen glücklichen Abend verbringen. Entsprechend bevorzugte das Orchester, das man am ehesten in die Tradition der Rhythmiker wie D’Arienzo oder Donato einordnet, leichte, witzige und manchmal auch etwas alberne Nummern mit einfachen Harmonien und Melodien, die in der Regel sofort in den Beinen jucken und die Anwesenden auf die Tanzfläche reißen. Der klare Compás überrascht die Tänzer nicht, ist aber gleichzeitig voller kleiner Abwechslungen. Die leicht sonore, kräftige, rhythmisierend phrasierende Stimme Morenos verleiht den Aufnahmen eine solide Lebendigkeit. So manches allerdings, da muss man den Kritikern schon recht geben, kommt sehr simpel daher und driftet in Richtung belanglos klimpernder Karussellmusik ab.
Aber vielleicht war das Orchester gerade deswegen auf Tanzveranstaltungen gefragt. Oft genug steigerte sich die Stimmung so, dass nicht nur alle Bandmitglieder, sondern der ganze Saal mitsangen. Was für ein Spaß bei über 1.000 Menschen im Saal und Hits wie La Colegiala.
Viele Orchester machten den Abschluss ihrer Tangos zu einem typischen Markenzeichen: Bei Caló ist es ein vom Pianisten in liebliche Arpeggien aufgebrochener Akkord, bei Tanturi erklingt der letzte Akkord immer etwas zu spät, und bei Rodríguez – da wartet man meist vergebens auf den letzten Schlag, sodass so manche Abschlusspose ins Leere geht.

Lyrische Eskapaden 1944 bis 1946

Rückblickend staunt man, wie schnell sich die Moden im Tango änderten, wie schnell er sich innerhalb weniger Monate weiterentwickelte. Im Anschluss an die Uptempo-D’Arienzo-Jahre kehrten viele Orchester spätestens 1942 zu einem ruhigeren, lyrischeren Stil zurück. Rodríguez schloss sich dem Trend relativ spät, erst 1943, an; die Aufnahmen strahlen nun mehr Ruhe aus. Doch 1944 wagte der König des Foxtrotts einen mutigen Neubeginn: Er entließ seinen Pianisten Eusebio Giorno, der bisher das Zentrum des Orchesters gebildet hatte und angeblich nach dieser Enttäuschung nie wieder ein Klavier anfasste, und holte sich stattdessen drei neue, herausragende Musiker und Arrangeure ins Boot: Roberto Garza (Bandoneon) und Armando Cupo (Piano) sorgten zusammen mit dem Bassisten Omar Murtagh, der zwischendurch auch das Cello strich, dafür, dass auch im Hause Rodríguez feinfühlige, subtile und anspruchsvolle Tangos wie Naranja en flor, Éste es tu Tango oder Luna llena mit Gegenmelodien, synkopischen Rhythmen und komplizierterer Melodieführung und bisher unüblichen Soli gespielt wurden, die sich vor Nummern von Troilo oder Calo nicht verstecken müssen. Nachdem Anfang 1946 Armando Moreno zusammen mit Roberto Garza das Orchester verließ, um eine wenig nachhaltige Solokarriere zu starten – und wohl auch, weil das Publikum den Schwenk hin zum Anspruchsvollen nicht honorierte – kehrte Rodríguez aber wieder zu seinem alten Stil zurück.
Allerdings fehlt den Aufnahmen nach 1945 einerseits die musikalische Klasse der konkurrierenden Combos, andererseits aber der Witz der frühen Jahre, sodass Fans des Tango Argentino von dieser Musik zu Recht wenig überzeugt sind. Rodríguez besuchte aber bis 1971 weiter regelmäßig das Aufnahmestudio, die Mehrzahl der Aufnahmen waren allerdings otros ritmos.

Der Komponist

Auch als Komponist war Rodríguez, in Zusammenarbeit mit den großen Textern dieser Jahre, sehr erfolgreich. Neben seinem größten Verkaufserfolg, dem lustigen, für das Genre untypisch ironischen und etwas albernen Vals Tengo mil novias,  flossen aus seiner Feder von ihm selbst interpretierte, wunderbare Tangos wie Son cosas del bandoneón, Amigos de ayer, En la buena y en la mala, Iré, Llorar por una mujer oder Lagrimitas de mi corazón. Als Komponist arbeitete Enrique übrigens am liebsten mit dem Texter Enrique Cadícamo zusammen, mit dem er gut befreundet war.

Starke Stimmen

Leicht hatten es Rodríguez Sänger nicht. Die Arbeitsbelastung war gigantisch. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Orchestern beschränkte sich Rodríguez ja meist nur auf einen Sänger. Außerdem bestritt er als ‚Orquesta de todos los ritmos‘ die Tanzpartys alleine, statt sich mit einer ‚Jazz‘- oder ‚Tropical‘-Combo die Bühne zu teilen. Beeindruckend ist, mit welcher Lässigkeit und Selbstverständlichkeit Flores und noch viel mehr Moreno unterschiedlichste Genres und Stimmungen mal ausgelassen-fröhlich, mal lyrisch gefühlvoll interpretieren konnten.

Roberto ‚Chato‘ Flores (Die Stupsnase)

1907 - 1981

Die ersten Jahre seiner künstlerischen Laufbahn schlug sich Domingo Patti, so sein Geburtsname, in gleichen Teilen als Schauspieler und Sänger durch. Erst nachdem der mittlerweile 30-Jährige 1937 von Rodríguez entdeckt worden war, entwickelte er sich zum Superstar. Bis Ende 1939 entstanden 35 gemeinsame Aufnahmen, von denen viele – vor allem aber Tengo mil novias und Son cosas del bandoneón – zu ganz großen Hits wurden. Doch dann gelang es RCA Victor, dem mit Odeon konkurrierenden Plattenlabel, den beliebten Sänger abzuwerben, um Flores erfolgreich als Solo-Künstler des Hauses RCA aufzubauen. Als solcher blieb ‚El Chato‘ zwar die nächsten beiden Jahrzehnte im Geschäft und absolvierte zahlreiche Tourneen durch die Provinz sowie die angrenzenden Länder Südamerikas, an die Erfolge der späten 30er-Jahre mit Rodríguez konnte er aber nicht mehr anschließen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Kolumbien, wo er 1981 auch verstarb.

Armando Moreno (Armando Bassi)

1921 - 1990
‚El niño y muñeco‘ (das Kind und Püppchen), wie er wegen seiner kindlichen Gesichtszüge genannt wurde, verkörpert mit seiner charakteristischen Stimme wie kein anderer Sänger den Sound dieses Orchesters.
Nach seinem Debüt 1939 avancierte der gerade erst 18-Jährige schnell zum absoluten Publikumsliebling und Frauenschwarm. Ein Zeitzeuge berichtet, dass er manchmal von weiblichen Gästen Telefonnummern zugeschoben bekam, bei denen er sich dann je nach Laune meldete. Die Zusammenarbeit mit Rodríguez von 1939 bis 1945 stellt zweifellos den Höhepunkt dieser Sängerkarriere dar, und aus diesen Jahren stammen all die Tangos, Valses und Foxtrotts, die wir als Tänzer lieben.

Zwar bemühte sich Moreno Mitte der 40er-Jahre zusammen mit Roberto Garza um eine Solo-Karriere und arbeitete nach 1950 erfolgreich im Orchester von Domingo Federico, wo er anspruchsvollere Tangos singen konnte. Nachhaltige Erfolge wie in der Zusammenarbeit mit dem Meister alle Rhythmen gelangen ihm aber nicht mehr, was wohl ein Grund dafür war, dass Moreno in den nächsten Jahrzehnten wiederholt zu seinem Entdecker zurückkehrte und insbesondere in den ‚dunklen‘ Jahren des Tango nach 1960 mit dem bewährten Programm der ‚Todos los ritmos‘ mehrfach erfolgreich durch Südamerika tourte. Schließlich ließ er sich in Bogatá/Kolumbien nieder, wo sowohl Rodríguez als auch Moreno wie Idole verehrt wurden. Dort verstarb Moreno 1990, immer noch als Sänger aktiv, an einer Lungenentzündung.








Enrique Rodríguez für Tänzer

Zackige Tangos mit Roberto ‘El Chato’ Flores

Mit treibenden Vierteln und Achteln starten Déjame ser así (1938), Con permiso señorita (1939), Te quiero ver escopeta (1939) oder der Superhit Son cosas del bandoneón (1939), während Mi verdad (1938), ¿Vendrás alguna vez? (1938) oder Un copetín (1939) der Melodie etwas mehr Raum geben. Mosterio (1939) mit lustigem Hintergrundgequake lebt mehr von Blödelei als von Musikalität.



Klassiker mit Armando Moreno

Dutzende gelungene, sich durchaus ähnelnde Tangos entstanden zwischen 1939 und 1942. Hierzu zählen neben vielen anderen Cómo se pinta la vida (1940), Contigo, pan y cebolla (1940, mit lachendem Chor und Quietschstimme), Suerte Loca (1941), El Encopao (1942), Marinero (1943, mit nettem Frage-Antwortspiel) oder La Gayola (1943). Die wenigen

Instrumentalaufnahmen

wie La Torcacita (1940), Jueves (1941) oder Florida (1941) machen deutlich, wie sehr die Musik von der Stimme Morenos lebt. „Warum singt er denn jetzt nicht“, denke ich mir jedes Mal,  ohne Gesang wirken die Nummern etwas nackt, stecken aber doch voller Rhythmus, wie die Performance von German Cuestas & Eva Lehrmann zu “El Morochito" perfekt zeigt.

Danza maligna??? - Javier Rodriguez & Fatima Vitale - Singapore International Tango Festival 2016


Danza Maligna von Javier y Noelia

German Cuestas & Eva Lehrmann:  “El Morochito"

Feinfühlige Tangos

Auch Rodríguez ging es ja nach 1942 langsamer an, wie Nummern wie Iré (1943) oder Que Lo Sepa El Mundo Entero (1943) zeigen. Sie erreichen aber nicht die Raffinesse und Feinheit in der Textur wie z.B. Traje de novia, La vi llegar, Tu íntimo secreto oder Tú!... El cielo y tú! des Jahres 1945, die mit einfühlsamen Geigensoli, Gegenmelodien und emotionalem Gesang eine für Rodriguez sonst ganz ungewohnt melancholische Stimmung aufs Parkett zaubern, ohne dabei Zugeständnisse an die Tanzbarkeit zu machen.

Carlitos Espinoza & Noelia Hurtado(2012) "Que lente corre el tren"

"Murat and Michelle. Yo No Se Porque Razon


Foxtrotts

Milongas stehen erstaunlicherweise bei diesem Tanzorchester nicht an erster Stelle, aber warum auch, Rodríguez war ja der König des Foxtrotts – und auf die langsameren kann man wunderbar eine gutgelaunte Milonga tanzen. Die größten dieser Hits gehen oft auf Schlagererfolge anderer Genres zurück: La Colegiala (1938, Flores) ist eigentlich ein Klassiker der Cumbia, Para mé eres divina (1938, Flores) beruht auf dem alten jüdischen Song Bei mir bist du schein. Sehr beliebt waren und sind außerdem die von Moreno gesungenen Amor en Budapest (1940), Noches de Hungría und Suavemente (beide 1942) oder der von Show-Tanzpaaren oft gewählte Reißer Zapatos rotos (1955, Ernesto Falcón). Und Candombe konnte Enrique natürlich auch: El tucu-tun (1943, Moreno).



Valses zwischen Jahrmarktsschunkeln und Karussellfahren

Tengo mil novias (1939, Flores) war zwar Rodríguez größter Hit und ist voller Fröhlichkeit, enthält aber auch alles, wofür Rodriguez kritisiert wurde: einen simplen Compás, wenig Musikalität, einfache Melodien, alberne Choreinwürfe. Ähnlich gestrickt sind Fru Fru (1939, Flores), Solita y sola oder Los Gitanos (beide 1942, Moreno), bei denen man – tanzt man tatsächlich zur Musik – eigentlich nur in wildem Schunkeln enden kann.

La Maja Aristocrática (1938, Flores), Salud, Dinero, Amor, Los Piconeros (beide 1939, Flores), Con tu mirar (1941, Moreno), En El Volga Yo Te Espero (1943, Moreno) lassen sich dagegen zu wunderbar beschwingten Tandas kombinieren.

Vals Isabelita mit Maja Petrovic und Marko Miljevic (2011(
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An dieser Stelle möchte ich mich endlich einmal bei der Münchner Tango-Historikerin Theresa Faus bedanken, die mich mit ihrem fundamentalen Wissen von Anfang an bei diesem Projekt unterstützt.