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Orquesta Típica
Juan D'Arienzo

"El Rey del Compás"

Juan D'Arienzo

14.12.1900  +14.01.1976

Status

Rhythmusmaschine

Aufnahmen:

rund 1000

Spezialität:

Valses, Milongas und viel mehr

Kaufen:

Von 1935 - 1939 gibt es alles, danach vieles bei
www.tangotunes.com

Schaut immer wieder dort vorbei und unterstützt dieses großartige Projekt!








Diesen Text verfasste ich ursprünglich für die deutsche Tangozeitschrift Tangodanza.

In Corona-Zeiten habe ich ihn hübscher gemacht und für das Orchester typische Titel als Youtube-Video eingebettet. Wenn möglich habe ich Videos mit Showtänzen ausgesucht.

Die Tanzpaare lassen durch ihre musikalischen Interpretationen die Nuancen der Stücke lebendig werden.

Die Stimmung während der Festivals erinnert an bessere Zeiten.

Hoffentlich umarmen wir uns bald wieder!!

Viel Spaß - Olli Eyding


Merkmale:

kraftvolles Klavier, Geigensoli auf der tiefsten Saite

Stil:

voller Energie und akzentuierter Rhythmen

Größter Hit:

"La Cumparsita" (1943)
Diese Schellack mit der Milonga
"La Puñalada" auf der Rückseite
wurde über 17 Mio. Mal verkauft!

Wichtige Sänger:

- Alberto Echagüe
- Hector Mauré
- Armando Laborde

Bedeutende Musiker:

- Piano: Rodolfo Biagi, Juan Polito, Fulvio Salamanca
- Bandoneon: Hector Varela
- Geige: Cayetano Puglisi






Der Rey del Compás

1935 revolutionierte Juan D’Arienzo mit seiner Musik den Tango in Buenos Aires. Praktisch im Alleingang machte er aus Tangohörern Tangotänzer. Ohne ihn gäbe es wahrscheinlich das große Goldene Jahrzehnt des Tango von 1935 bis 1945 nicht.

Was war passiert?

Die Tangowelt trauerte. Der tragische Tod Carlos Gardels erschüttert das Land. Tango wurde seit einigen Jahren vor allem gehört, weniger getanzt. Viele Orchester spielten tendenziell ruhiger und behäbiger, symphonischer, sehr verfeinert oder, in der Tradition Julio de Caros, musikalisch komplex, akademisch. Man genoss Tango-Canción mit Gitarrenbegleitung, hörte Tango im Kino, im Theater.

Und dann elektrisierte D’Arienzo die Stadt. Warum zogen die jungen Porteños in Scharen zu seinen Auftritten ins Ballhaus Chantecler, warum versammelten sich Fans im ganzen Land vor den Radioapparaten, wenn im gerade eröffneten Radiosender El Mundo der 'Rey del Compás' rockte?

Das Repertoire D’Arienzos war traditionell, viele Stücke stammten aus der Zeit der Guardia Vieja, also von vor 1920. Er arrangierte sie aber modern, frisch, fröhlich, nervös und mit großer Energie. Und er spielte schneller. Vor allem bauen seine Tangos auf einem zackigeren rhythmischen Fundament auf, einem Stakkato-Beat, der fast wie ein Metronom alle vier Schläge betont, während die meisten Orchester den 1. und 3. Schlag markierten.

Seine Fangemeinde wuchs. Er wurde zum Rey del Compás, zum König des Taktschlags ernannt. Rodolfo Biagi trug entscheidend zu dieser rhythmischen Revolution bei. Er war ein alter Bekannter und ersetzte ab Mitte 1935 den bisherigen unzuverlässigen Pianisten. Biagi spielte einfach frecher, unberechenbarer, synkopischer, seine wilden Zwischenspiele zwischen den Phrasen sind unverwechselbar. Die Nachfolger am Klavier, Juan Polito und Fulvio Salamanca, mussten ihn natürlich imitieren. Dies gelang beiden, und beide pumpten mit starker Technik und kräftigem Spiel weiter Energie in die Arrangements, die noch schneller und akzentuierter wurden. D’Arienzo hatte es geschafft. RCA Victor konnte gar nicht schnell genug pressen, Fans zahlten für seine Schellacks oft mehr als den empfohlenen Verkaufspreis. Viele seiner Zeitgenossen mussten oder wollten sich anpassen; die meisten Orchester spielten die nächsten Jahre deutlich schneller und rhythmischer.

D’Arienzo hatte den Tango wieder auf die Füße gestellt.



Der Meister und seine Musiker

Osvaldo Pugliese, überzeugter Kommunist, führte sein Orchester wie ein Kollektiv. D’Arienzo war aus anderem Holz geschnitzt. Als Biagi Mitte 1939 für ein Klaviersolo einen so stürmischen Applaus erhielt, dass er aufstand und sich dafür verbeugte, musste er gehen, so wird erzählt.

Allerdings geht man davon aus, dass Biagi schon längst mit einer eigenen Karriere geliebäugelt hatte. Neben dem Meister war jedenfalls kein Platz für einen zweiten Star. In dieser Zeit entwickelte D’Arienzo auch seine legendäre, wilde Art zu dirigieren. Seine Musik, sein Orchester wirkten dadurch noch energetischer. D’Arienzos Musiker berichten, dass das Orchester einfach anders klang, wenn der Maestro fuchtelnd vor ihnen stand, provozierte, lächelte, anfeuerte und sie dazu trieb, alles zu geben. All dies sieht man wunderbar verdichtet im legendären Fernsehauftritt mit dem Tango Loca (1955) Die nun schon etwas gereiften Herren pumpen in einer wilden, präzisen Choreographie ihre Bandoneons und streichen ihre Geigen, während davor eine bucklige Figur wie eine Karikatur mit riesiger Nase wild mit dem Finger fuchtelnd seine Musiker antreibt. Der Rey del Compás war auch der König des Orchesters. Man hatte Respekt vor dem Meister, das Raubein lebte nur für seine Musik und seine Musiker, unterstütze sie und half ihnen, wo er nur konnte. Gleichzeitig kontrollierte er aber den perfekten Sitz der Anzüge genauso penibel wie den Sound seines Orchesters.

Ein neues Orchester für den König

Das argentinische Journal Antena berichtete im April 1940:

„D’Arienzo, der regelmäßig für einige Stunden nach Buenos Aires kommt, hat sich sein neues Orchester angehört und ist von dessen Klang überzeugt.“

Wie lässt sich denn das deuten?

Natürlich war D’Arienzo 1940 ein Mythos und einer der besten Arbeitgeber. Trotzdem verließ ihn Anfang 1940 während des schon traditionellen Aufenthalts in der Sommerfrische in Montevideo seine gesamte Mannschaft einschließlich des Sängers Alberto Echagüe und startete, wohl aus finanziellen Gründen, unter der Leitung des bisherigen Pianisten und Arrangeurs Juan Polito ihr eigenes Projekt.

Quirlig und umtriebig wie D’Arienzo war, konnte er bald mit einem neuen, noch hochkarätigeren Ensemble antreten. Der Bandoneonist Hector Varela stellte ihm seine gerade neu geformte Truppe zur Verfügung. Dazu gesellte sich der legendäre Geiger Cayetano Puglisi und intonierte von nun an die typischen langgezogenen Soli auf der tiefsten Geigensaite.

Neben der Rhythmusmaschine der fünf virtuos agierenden Bandoneons bildet das kraftvoll gespielte Klavier in D’Arienzos Tangokosmos das musikalische Kraftzentrum.

Fulvio Salamanca, von D’Arienzo in der Provinz entdeckt, übernahm, blutjung, aber perfekt ausgebildet, diese Aufgabe und blieb 17 Jahre. Es fehlte noch ein Ersatz für den Sänger Alberto Echagüe.

D’Arienzo veranstaltete einen Wettbewerb. Knapp 100 Sänger, akkurat gekleidet, standen vor den Studios von Radio El Mundo Schlange. Der Auftritt Hector Maurés am Ende des Tages beendete schlagartig das Casting. Mit ihm erhielt das Melodische und Feine mehr Raum. Die Einspielungen dieser Jahre zählen für viele zu den intensivsten und sensibelsten der über 50 Jahre dauernden Karriere D’Arienzos.

Maurés Nachfolger, Armando Laborde, hieß eigentlich José Atilio Dattoli. Als 24-jähriges arbeitsloses Talent musste er sich das Geld für die Taxifahrt zum Casting noch von seinen Freunden leihen. Doch er bekam den Job und begleite den Meister – noch 'namenlos' – in die Sommerfrische nach Montevideo. Weil die Plattenfirma den neuen Star bewerben wollte, verlangte sie nach einem Namen, wie üblich erhielt er diesen vom Chef. Bei der nächtlichen Heimfahrt fragte D’Arienzo den Busfahrer, wie er denn heiße. Die Antwort war „Armando Laborde“ ...

D’Arienzos Orchester überlebte als eines der wenigen den Niedergang der Tangokultur Mitte der 50er-Jahre. Er veröffentlichte weiter regelmäßig, hielt am klaren Beat fest, wenn auch die Arrangements – spätestens seit dem Abgang von Fulvio Salamanca 1957 – sehr reichhaltig, mächtig und geigig wurden. Der Sound des neuen Arrangeurs Carlos Lazzari erinnert teilweise an die großen Big Bands der Zeit.

Während viele Orchester aus finanziellen Gründen zu Quartetten und Trios schrumpften, konnte D’Arienzo seine Musiker weiter bestens bezahlen, er machte Aufnahmen mit bis zu zehn Geigern und besetzte auch den Bass oft doppelt, um seiner Musik das nötige Fundament zu geben.







Der Musiker D’Arienzo

D’Arienzo erblickte im Jahr 1900 das Licht der Welt. Die Mutter förderte die musikalische Begabung ihrer Kinder, der Vater, Besitzer einer kleinen Fabrik, hätte Juan lieber als Jura-Studenten gesehen, von ihm lernte der junge Juan aber den Sinn fürs Geschäftliche, schon früh erwies er sich als sehr geschickter Verkäufer.

In den 20ern agierte er, oft im Team mit dem Pianisten Ángel D’Agostino, in Kinos, Theatern sowie mit Tango- und Jazz-Combos. Aus seiner Feder flossen dutzende Tangos, darunter so wunderbare Stücke wie Paciencia (1937, 1951), Hotel Victoria (1935) oder Bien Pulenta (1950).

1933 legte der Rey del Compás seine Geige zur Seite und zelebrierte sich von nun an als immer wilder agierender Orchesterleiter. Die musikalische Feinarbeit, natürlich nach seinen Vorgaben, überließ er seinen Arrangeuren. Er widmete sich vornehmlich dem Geschäftlichen und agierte als Aushängeschild der durch die Jahrzehnte immer zugkräftigeren Marke 'D’Arienzo', die vor allem auch in Japan ihre Fans hatte. So machte sich das Orchester, vom japanischen Kaiser persönlich eingeladen, auch 1968 und 1970 ins ferne Japan auf. Alberto Echagüe sang dort sogar einen Tango auf japanisch. Allerdings waren sie ohne den Maestro unterwegs, der wegen Carlos Gardels tragischem Tod bei einem Flugzeugabsturz zeitlebens das Fliegen verweigerte.

Was wollte D’Arienzo auch in Japan, er war ein waschechter Porteño, neben der Welt des Tango galt seine Leidenschaft dem Spiel. Ein guter Teil seiner immensen Einkünfte verpuffte auf den Pferderennbahnen, beim Roulette, aber auch mit den Zigarillos, die ihn ständig begleiteten.




D’Arienzo für Tänzer

In einem vielzitierten Interview von 1949 sagte D’Arienzo, Tango sei in erster Linie Rhythmus, nervöse Energie, Kraft und Charakter. Viele lieben die Energie dieser Musik, manche lehnen sie wegen der einseitigen Konzentration auf den Beat ab. Kaum ein DJ gestaltet einen Abend ohne D’Arienzo, der fast 1.000 Aufnahmen einspielte.



Knackige Milongas:

Zwar sind D’Arienzos Milongas deutlich schneller als z.B. die von Canaro, insbesondere die Nummern vor 1940 sind jedoch alle durchgehend gut tanzbar. Hierzu zählen Instrumentalklassiker wie "De pura cepa" (1935), "El esquinazo" (1938), das ist die mit dem Stampfen, oder "Milonga Querida" (1939) mit dem Sänger Alberto Echagüe. Auch wenn D’Arienzo seinem Stil durch die Jahrzehnte treu bleibt, sind die späten Milongas hektisch und klanglich sehr aufgeblasen.


De Pura Cepa


El esquinazo


Milonga Querida

Rasante Valses

D’Arienzo wollte, dass der Saal rockt, dass die Tänzer mitgerissen werden. Er spielte daher im Verhältnis viele Milongas und Valses ein. Die Konzentration auf den Beat funktioniert bei den Valses fast durchgehend, wie die Milongas zählen sie zum Standardrepertoire jedes DJs. In "Orillas de Plata" (1935) treibt eine präzise Rhythmusmaschine aus Bass, linker Klavierhand und Bandoneons voran, während das typische Geigensolo die Tänzer schweben lässt. "Miedo" (1940), eingespielt vom Star-Orchester mit Varela, Salamanca, Puglise und dem Sänger Mauré, beeindruckt mit Geschwindigkeit, Energie, Subtilität und einem komplexen, melodiösen Arrangement.


Orillas de Plata



Miedo


Tangos im Taktschlag

Die ersten drei Dutzend Aufnahmen mit dem neuen Orchester von 1935 wie "Re fa si" (1935) oder "Rawson" (1936) sind fast durchgehend instrumental, der stakkatohaft vorgetragene Beat ist sehr dominant. Besonders filigrane rhythmische Spielereien Biagis finden sich in Pico Blanco (1939) oder in "Mandria" (1939) mit Alberto Echagüe. Der Sound zu Beginn der 40er-Jahre ist viel reichhaltiger. Maurés Gesang darf mehr in den Vordergrund treten, scheint teilweise im Wettstreit mit den betörenden Melodielinien von Puglisis Geige zu stehen, während das sehr viel breiter angelegte Klavierspiel Salamancas die komplexen Arrangements antreibt. Man hört dies sehr schön in "Claudinette" (1942) oder in der fantastischen Version von "Uno" (1943) mit Héctor Mauré.

Re fa si

Rawson

Pico Blanco



Viele Tangos wurden von den Plattenfirmen zu schnell und damit zu hoch transferiert.
Der große Tangohistoriker Michael Lavocah präsentiert hier UNO, eine der ganz großen Kompositionen des Tango (M: Mariano Mores; T: Enrique Santos Discepolo) in angemessen ruhigem Tempo.
Mandria (Echagüe)
Einer der Besten, kein Wunder, dass es so viele Performances davon gibt.

Claudinette (Maure)


Uno (Maure)


Bis 1975 nahm D’Arienzo auf. Und er blieb sich treu. Zwar gab auch er, dem Geschmack der Zeit folgend, den Sängern mehr Raum, doch er degradierte sich nie zur Begleitung eines divenhaft verehrten Sängers, wie er es im erwähnten Interview von 1949 den anderen Orchestern vorwarf. Stattdessen entstanden zum Beispiel sehr energiereiche Instrumentalnummern wie "Tucumán" (1950) oder "Yapeyú" (1951), kräftige Stücke mit seinem wichtigsten Sänger, Echagüe oder aufwändig arrangierte wuchtige Einspielungen mit dem grandiosen Sänger Osvaldo Ramós wie "Sentimiento Gaucho" (1965) oder "Mi Dolor" (1972). Von großer Qualität sind die insgesamt sechs Einspielungen von "La Cumparsita" zwischen 1928 und 1971, wobei die von 1951 als die stärkste angesehen wird.

El puntazo


Yapeyu




Sentimiento Gaucho


"Sentimiento Gaucho" mit dem Sänger Osvaldo Ramos ist einer meiner absoluten Favoriten. Wenn Ramos mit seinem Gesang einsetzt - Gänsehaut. Und hier paart sicht die Wucht der D'Arienzo-Rhythmusmaschine mit viel Musikalität, Dynamik und Melodie.
Aus dieser späten Zeit gibt es auch noch einige packende, außergewöhnliche Instrumentalnummern. "Adios Coco", "Este es el Rey" oder "Inspiracion".

Adios Coco
Mein nächster Liebling!!!
Und was für eine Choreographie!!






La Cumparsita (1928) D'Arienzo vor 
D'Arienzo


La Cumparsita (1951)
der Klassiker


La Cumparsita (1961) im TV
Beeindruckend das gemeinsame Solo der Fila del bandoneon


La Cumparsita (1971)
die letzte Einspielung












Große Musiker im Schatten des Maestros D’Arienzo

Die wirtschaftlich erfolgreichsten Tangueros, Francisco Canaro und Juan D’Arienzo, aber auch Miguel Caló, spielten seit Mitte der 30er Jahre nicht mehr selbst im Orchester, sie agierten mehr als Manager ihrer Marke. Während einmalige Musiker wie Carlos Di Sarli oder Lucio Demare mit ihrem virtuosen Spiel, ihren Arrangements und durch tägliches Proben ihre präzisen musikalischen Vorstellungen verwirklichten, bestand Juan D’Arienzo natürlich auf seinem Stil: Rhythmus, Nervosität, Energie. D¬ie tagtägliche Feinarbeit und das Arrangement erledigten aber seine herausragenden Pianisten oder ersten Bandoneonspieler, die gleichzeitig als Instrumentalisten glänzten und nach ihrem Ausscheiden eigene Stile entwickelten.
Neben Rodolfo Biagi, der entscheidend zur Entstehung des D’Arienzo-Sounds beigetrug, prägten die Pianisten Juan Polito und Fulvio Salamanca, der Bandoneonist Hector Varela sowie der legendäre Geiger Cayetano Puglisi über lange Jahre den musikalischen Kern der Marke D’Arienzo.



Cayetano Puglisi (1902 - 1968) – ‚El Talento’

Der Sizilianer entstammte einer sehr musikalischen Familie und war mit dieser 1909 nach Buenos Aires ausgewandert. Sein Talent als Geiger war so groß, dass er schon als 13-Jähriger mit einem Kindertrio in den Cafés des Zentrums Erfolg hatte, wo er von Roberto Firpo entdeckt und wie von einem Vater gefördert wurde. So war das Wunderkind 1917 vor genau 100 Jahren mit von der Partie, als Firpo die allererste Version von "La Cumparsita" ins Wachs pressen ließ.
Firpo widmete dem 16-jährigen Cayetano sogar einen Tango namens "El Talento" (1918). Der Begnadete spielte in verschiedensten Orchestern sowie oft als gefragter Gast- und Studiomusiker. Um 1929 leitete er ein eigenes Sextett, die erste Aufnahme war ... La Cumparsita (1929).

1940 startete der 28 Jahre dauernde zweite Teil seiner Karriere: Bis zu seinem Tod 1968 intonierte er mit seinem einzigartigen Sound das für D’Arienzos Musik so typische kurze Solo auf der tiefen Geigensaite. Die damit verbundene musikalische Einengung und intensive Arbeit nahm er in Kauf. D’Arienzo zahlte mehr als alle anderen, im Sog von dessen Ruhm konnte Puglisi mit seinem ganz herzerweichenden Geigenton Millionen Menschen in der Seele treffen und 1943, 1951 und 1963 drei weitere Versionen von La Cumparsita mit seinen Soli versüßen. Nur wenige Musiker spielten über 50 Jahre immer die erste Geige! Du findest Puglise als Sologeiger im allerersten Video dieser Seite ("Loca", 1:50)


Que queres con ese loro - 1929 Voc: Roberto Diaz
(ein Video mit vielen schönen Illustrationen)





Hector Varela (1914 – 1987) – Der dramatische Bombastiker

Hector Varela war ein kerniger Porteño, ein Frauenheld mit nach hinten gegelten Haaren, und zockte – wie sein Chef – leidenschaftlich beim Pferderennen. Über 20 Kompositionen steuerte Varela zum D’Arienzo-Repertoire bei, mehr als zehn Jahre war er für Arrangement und Orchesterleitung zuständig, denn bei Auftritten kam D’Arienzo oft erst nach einer Stunde auf die Bühne, um seine wilde Dirigenten-Gymnastik zu zelebrieren. 1950 dann, mitten in einer sehr starken, erfolgreichen Phase D’Arienzos, gründete Varela, zusammen mit dem Sänger Laborde, eine eigene Formation. Die war bis 1975 nicht nur in Argentinien mit ihrem rhythmischen, gleichzeitig aber auch sehr popig-geigigen Sound sehr populär, so dass Varela in 25 Jahren mit seinen Orchestern 383 Tangos aufnahm. Einige seiner Aufnahmen gehören zu den meistverkauften Hits der argentinischen "Charts"

Varelas satter Sound stößt unter Tänzern auf ein geteiltes Echo.
Im Gegensatz zu progressiveren Zeitgenossen wie Pugliese, Gobbi oder Salgán arrangierte Varela für Tänzer, ein klarer Compás bildet fast immer die Grundlage seiner teilweise schlagerhaften, aber auch harmonisch anspruchsvollen Musik. Die Dominanz der Geigen und der bombastische Sound finden bei Traditionalisten zwar keinen Anklang, dennoch muss man anerkennen, dass seine großen Hits wie "Fueron tres años" (1956, Argentino Ledesma) oder Instrumentalstücke wie "Mi dolor" (1953) oder Pa' que te oigan Bandoneón (1956) eine fast schon einmalige Energie auf die Tänzer übertragen. Zu Varelas größten Kompositionen zählen sicher "Fumando Espero" (1960), "Fueron tres años" (1956).
Als DJ spiele ich selbst am liebsten "Pacienca" (1951) und "Yuyo brujo" (1951).

Fueron Tres Años, hier live getanzt im Salon Canning


Pa' Que Te Oigan Bandoneón


Pacienca


Fulvio Salamanca (1921-1999) –  Meister des süßen Klangteppichs

Spielen zu Beginn einer Tanda die Geigen unisono in den höchsten Registern und legen einen wundervollen melodiösen Klangteppich über einen ganz eigenen, mächtigen Beat, dann erwartet die Tänzer eine wuchtig-romantische Tanda des Ausnahmepianisten Fulvio Salamanca.

17 Jahre lang bildete Salamanca mit kräftigen Akkorden und filigranen Melodielinien das Zentrum von D’Arienzos Rhythmusmaschine, lenkte vom Piano aus das Orchester, war seit dem Abgang Varelas Arrangeur sowie Leiter des Orchesters und nahm mit dem Maestro in dieser Zeit 380 Titel auf. Viele zählen ihn zu den ganz großen Pianisten. Doch 1957, er war erst 37 Jahre alt, wurde ihm das Dasein im Orchester des gefragten, umtriebigen Meisters zu aufreibend, er fühlte sich dadurch „isoliert“ und beschloss, von nun an seinen eigenen Weg zu gehen, wobei er sich anfangs über die Richtung noch gar nicht klar war.

Spätabends, im Frühjahr 1957, auf dem Nachhauseweg beim Wechseln der Buslinien, traf Salamanca seinen alten Freund und Bandoneonspieler Eduardo Cortti, der in der Szene weit besser vernetzt war, und überzeugte ihn in der nächsten Bar, gemeinsam ein eigenes Orchester zu gründen. Sie konnten großartiger Musiker für sich gewinnen wie die Geigen-Legenden Elvino Vardaro und Aquiles Aguilar oder die Sänger Jorge Garré sowie Armando Guerrico aus Uruguay.

Lange studierte Salamanca mit seinen Bandoneons den Marcato ein, also die Art, wie die gemeinsam stampfenden Bandoneons den Beat intonieren. Er wollte etwas ganz eigenes, Neues, wollte sich von D’Arienzo absetzen. Und er entwickelte einen schiebenden Doppelschlag, wuchtig-weich, aber immer präsent und energiereich.

Aus einem geselligen Abendessen mit seinen Musikern entwickelte sich dann der zweite wichtige Aspekt, der Salamancas Musik so einmalig macht. Armando Guerrico sang leise eine bisher unbekannte Melodie, "Adiós corazón". Nach einigem Suchen erwarb Salamanca Noten und Rechte aus Uruguay. Beim Setzen der Noten fand er, was er suchte: seinen Touch, seinen Sound, sein Markenzeichen, nämlich die im höchsten Register unisolo spielenden Geigen, die einzigartig mit dem Gesang Guerricos korrespondieren. "Adiós Corazon" (1957) wurde ein Riesenhit, von ähnlicher Qualität sind "Manu Cruel" (1958), "Bomboncito" (1958) und die wunderbare Einspielung von Puglieses bahnbrechender Komposition "Recuerdo" (1959), im Duett gesungen von Armando Guerrico und Luis Correa. Diese grandiosen Aufnahmen klingen wie eben erst aufgenommen, manchen Tänzern sind sie jedoch zu geigenlastig.

Salamanca war überzeugter Kommunist, weswegen er wiederholt von der Militärjunta verhaftet wurde und Aufführungsverbot bekam. Schon D’Arienzo hatte seinen jungen Musiker mehrfach aus den Händen der Polizei befreit. Seine Konflikte mit dem Regime trugen sicher dazu bei, dass Salamanca sich in den 60er-Jahren auf monatelange Tourneen durch Uruguay und Chile begab. In Japan fand seine Musik großen Anklang, 1975 war er dort mit einem Sextett auf Tournee und machte Aufnahmen.


Recuerdo


Mano Cruel

Adiós Corazón


El Taíta





Juan Polito (1908 - 1981) – Der Rückkehrer

Dass er am wenigsten ein eigenes Profil entwickelte, verwundert insofern nicht, als er den D’Arienzo-Sound über Jahrzehnte wie kein anderer selbst prägte.

Aus einer vielköpfigen Musikerfamilie stammend, spielte Juan seit Mitte der 20er-Jahre Seite an Seite mit Größen wie dem Orchesterleiter und Bandoneonisten Juan Maglio (‚Pacho’) oder dem legendären Geiger Elvino Vardaro. Ende 1928 begann Politos Karriere als Orchesterleiter, wie damals üblich mit schnell wechselnden Besetzungen.
1938 ersetzte Juan Polito Rodolfo Biagi.
Er musste dessen einzigarten Stil imitieren, er entwickelte diesen aber auch durch sein variantenreicheres Spiel weiter. Polito war Pianist und Arrangeur D’Arienzos, als Komponist hinterließ er den Vals "Castigo" (1939), vor allem aber einen der besten Tangos, den D’Arienzo einspielte: "La Bruja" (1939). Nach der Karnevalssaison 1940 verließ er mit nahezu allen Musikern einschließlich des Sängers Echagüe D’Arienzo, machte erfolgreich Solokarriere in Cabarets und eroberte sich 1943 den wichtigsten Sendeplatz auf Radio Belgrano. Aufnahmen liegen allerdings erst aus dem Jahr 1950 für das Label Pampa vor, traditionelle Nummern im Stil des Rey del Compás mit einer unbändigen Kraft, wie Politos Komposition „La Bruja“ (1952), die leider auf CD kaum erhältlich sind. Nach dem Abgang Salamancas kehrte Polito am 8. Mai 1957 erneut als Pianist und Arrangeur zu D’Arienzo zurück, stand dem Orchester bis zu dessen Auflösung vor und leitete es während der beiden Reisen ins tangobegeisterte Japan, an denen D’Arienzo wegen seiner Flugangst nicht teilnahm.





Que noche 1953