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Orquesta Típica
Lucio Demare

Lucio Demare

09.08.1906  +06.03.1974

Aufnahmen:

93

Stil:

Stakkato-Geigen treffen auf subtile Melodien

Merkmale:

teilweise ‚orientalischer‘ Klang, synkopierte Rhythmen, jazzartige Geigenriffs

Spezialität:

romantische Klaviersoli, extrem präzise Bandoneonsätze

Größter Hit:

Malena (1942)

Wichtige Sänger:

- Juan Carlos Miranda (1938-1942)
-  Raúl Berón (1943)
-  Horacio Quintana (1944-1945)

Bedeutende Musiker:

- Piano: Lucio Demare
- Bandoneon/Arrangement: Máximo Mori
- Geige: Raúl Kaplún, (1942-1946)



Diesen Text verfasste ich ursprünglich für die deutsche Tangozeitschrift Tangodanza.

In Corona-Zeiten habe ich ihn hübscher gemacht und für das Orchester typische Titel als Youtube-Video eingebettet. Wenn möglich habe ich Videos mit Showtänzen ausgesucht.

Die Tanzpaare lassen durch ihre musikalischen Interpretationen die Nuancen der Stücke lebendig werden.

Die Stimmung während der Festivals erinnert an bessere Zeiten.

Hoffentlich umarmen wir uns bald wieder!!

Viel Spaß

Olli Eyding








Der Pianist Lucio Demare trieb die Entwicklung des Tango zwar nicht so voran, wie die ‚Großen Vier‘ D‘Arienzo, Di Sarli, Troilo und Pugliese. Doch sein ganz eigener, unverwechselbarer, oft magischer Sound rührt die Herzen. Tänzer lieben seine Musik, die kunstvoll in präzisen Arrangements rhythmische Spielereien mit subtilen Melodieführungen kombiniert. Doch Demares Leben und musikalisches Schaffen stehen auch exemplarisch für die vielen Wege, auf denen sich Tango nicht nur in Argentinien, sondern auch in Europa entfaltete.

Das Orquesta Típica

1938 stellte Demare ein starkes Orchester auf die Beine, das ihn berühmt machen sollte. Doch nicht nur Demares Erfolgsstory begann in den Jahren 1937/1938, die man durchaus als Schlüsseljahre der Tangoentwicklung bezeichnen kann. Neben manch anderen gründeten in diesen Jahren auch Carlos di Sarli, Pedro Laurenz, Rodolfo Biagi, Aníbal Troilo oder Ricardo Malerba ihre Orchester, mit denen sie in den nächsten Jahren Tangogeschichte schrieben. Auslöser war natürlich der ‚Rey del Compás‘, Juan D’Arienzo, mit seinem Pianisten Rodolfo Biagi, die mit schnellen, rhythmischen, zackigen Tangos in Buenos Aires und ganz Argentinien ein Tanzfieber ausgelöst hatten, das für viele Jahre die Existenz zahlreicher Musiker sichern sollte. Aber auch sonst standen die Zeichen 1937 auf Neuanfang. Die Jahre zuvor waren für viele Musiker frustrierend, es gab wenige Jobs, viele Combos bestanden nur für kurze Zeit. Schuld war der Tonfilm, er hatte ab 1930 Musiker, die in Kinos spielten, überflüssig gemacht. Und natürlich hatte der New Yorker Börsencrash von 1929 auch die Wirtschaft Argentiniens hart getroffen. Argentinier nennen die Dreißiger, die zusätzlich von korrupten, machthungrigen Politikern und innenpolitischen Krisen geprägt ist, die ‚Infame Dekade‘.



Die Musik

Tänzer liebten Demares Musik schon damals wegen des ganz eigenen Charakters und strömten in Cafés und Cabarets, aber auch Sendeplätze im Radio sicherten ihm Bekanntheit im ganzen Land. Odeón, Demares Plattenlabel, produzierte 1938 zwei Schellacks. Wie Aníbal Troilo oder Pedro Laurenz gewährte Odeón Demare für Jahre keine weitere Aufnahmen. Erst 1941 scharte sich das Orchester wieder um ein Mikrofon. Weil höchste Qualität und die Verwirklichung seiner Ideen für den Perfektionisten Demare immer Vorrang vor kommerziellem Erfolg hatten, begab er sich nur ins Studio, wenn er von einem Titel absolut überzeugt war. Und so wurden von seiner wunderbaren Musik zwischen 1938 und 1945 nur 65 Titel ins Wachs geschnitten.



Telon

Schon in den ersten Aufnahmen aus dem Jahr 1938 wie "Telón" und "Din Don" mit seinem ersten Sänger Juan Carlos Miranda oder der Instrumentalnummer "La Racha" findet sich das Charakteristische des Demare-Sounds: Von den Streichern im Stakkato gespielte, synkopierte rhythmische Phrasen, die sich teilweise in regelrechte Energie-Eruptionen steigern, kontrastieren mit wunderschön gesungenen oder von den Geigen gestrichenen Melodien und Gegenmelodien. Weiche und eher rau gespielten Passagen folgen aufeinander in raschem Wechsel. Einer Dominanz der Geigen stehen kurze, druckvolle Bandoneon-Passagen gegenüber. Und überall dazwischen taucht das elegante Klavierspiel Demares auf, mal romantisch melodiös perlend, mal in den tiefen Registern kraftvoll den Beat markierend, aber immer äußerst exakt und gefühlvoll.

Din Don

Das ist ein schönes Video, weil es viele Bilder von Lucio Demare lebendig werden lässt.
La Racha



Demares wunderbare Komposition "Solamente Ella" (1944, Quintana) vereint beispielhaft diese Elemente. Demaras Musik basiert auf einem insgesamt stetigen Compás. Energie und Dynamik weisen eher kleinere Schwankungen auf, es gibt wenige Soli. Hier zeigt sich der Einfluss seines Mentors Francisco Canaro. Aber die Magie, die musikalischen Abenteuer finden sich im Detail, in den filigranen, subtil auskomponierten, rhythmisch differenzierten Phrasen und feinfühlig vorgetragenen Melodien. Spätere Aufnahmen sind meist noch lyrischer.

Solamente Ella




Die Musiker

Demare, ein begnadeter Pianist, der sein Orchester vom Klavier aus dirigierte, hatte einige großartige Musiker an seiner Seite.

Máximo Mori

Er war von Anfang an dabei undprägte nicht nur mit seinem vollendeten Bandoneonspiel den Sound des Orchesters, sondern übernahm auch die in einem Tangoorchester so wichtige Rolle des Arrangeurs und war damit für die Orchestrierung und Verteilung der musikalischen Anteile zwischen den Instrumenten und Stimmen verantwortlich. Er war erst 22 Jahre alt, als er 1938 zu Demare stieß. Zuvor hatte er sich seine Sporen schon bei großen Namen wie Miguel Caló, Manuel Buzón oder Antonio Rodio verdient.
Mori, seinem engen Freund Demare bis zu dessen Tod musikalisch verbunden, war Lebemann, Nachtmensch und ein solcher Kettenraucher, dass seine vom Nikotin gelb gefärbten Finger, mit denen er sein Bandoneon bearbeitete, legendär waren.

Raúl Kaplún

Er gilt als Begründer der virtuosen Tango-Geige, 1942 wechselte er von Miguel Caló zu Demare und verlieh von nun an den rhythmisch anspruchsvollen, in scharfem Stakkato gespielten, manchmal auch leicht dreckig klingenden Geigenriffs, die immer ein wenig an funkige Bläsersätze erinnern, noch mehr Schliff, das so typische Arrastre der Geigen wurde noch pointierter. Nach 1945 übergab Demare ihm und dem Sänger Quintana das Orchester.

Als Demare sein Orquesta Típica 1938 gründete, war er kein Unbekannter in der Szene, schließlich trat der erst 32-jährige Pianist schon seit fast einem Vierteljahrhundert vor Publikum auf.





Der kleine Jazzer

Das Tango-Viertel Abasto war Heimat der aus Italien stammenden Familie. Schon früh unterrichtete der Vater, selbst professioneller Geiger, seinen Sohn. Bald konnte den musikalischen Hunger des Kleinen, der oft genug über dem Klavierspiel das Essen vergaß, nur der legendäre Klavierpädagoge Vicente Scaramuzza stillen, der übrigens auch Osvaldo Pugliese, Horacio Salgán oder Orlando Goñi in die Geheimnisse rund um die schwarzen und weißen Tasten einweihte. So wundert es nicht, dass Lucio schon im zarten Alter von acht Jahren im benachbarten Kino von Nachmittag bis Mitternacht Stummfilme begleitete, für 40 Pesos im Monat. Eine Weile gab er sogar den Schiffsmusiker auf einem Dampfer, der zwischen Montevideo und Buenos Aires pendelte. Gesetze, die vor Kinderarbeit schützten, spielten im jungen Argentinien noch keine Rolle oder wurden nicht beachtet.

Tangos, die Musik der Straße bzw. der Erwachsenen, zählten noch nicht zum Repertoire, das aus Opern-Bruchstücken und klassischen Liedern bestand, war der Vater doch ein großer Fan italienischer Musik. Doch als Vorformen des Jazz von Norden aus den USA ihren Weg an den Río de la Plata gefunden hatten, schlugen sie auch den jungen Pianisten in ihren Bann. Mit 13 sorgte er am Piano eines Dixieland-Orchesters für den nötigen Swing.

Sein Ehrgeiz, sein unermüdliches Üben und Studieren lohnten sich. Adolfo Carabelli, eine der Schlüsselfiguren des argentinischen Jazz wie auch des Tango der 20er-Jahre, entdeckte den jungen Musiker und platzierte ihn am Piano seiner Firstclass-Jazzcombo. Nun klimperte der Siebzehnjährige, der eigentlich noch kurze Hosen hätte tragen müssen, Nacht für Nacht im angesehen Cabaret Ta-Ba-Ris Swing und Boogie für die Haute-Volée der Stadt. Mit von der Partie war übrigens Juan D’Arienzo, der sich Mitte der Zwanziger als Jazzgeiger durchschlug.

Wanderjahre im Windschatten Canaros

Die meisten Cabarets hatten zwei Bühnen, eine für Jazz, eine für Tango. Und im Ta-Ba-Ris saß auf der anderen Seite das Orquesta Típica vom Tango-Kaiser Francisco Canaro. Abend für Abend hörte Demare die neue Musik. Sie faszinierte ihn.
Es war der Bandoneonspieler Minotto Di Cicco, Canaros wichtigster Musiker, der den jungen Jazzer noch nach den Auftritten nachts um 3 Uhr so erfolgreich in die Tricks und Geheimnisse des Tango-Spieles einweihte, dass Canaro Demare zusammen mit seinem Geige spielenden Vater mit nach Paris nahm, dem Sehnsuchtsort aller Südamerikaner. Die Brüder Juan und Rafael Canaro hielten dort den europäischen Zweig des Canaro-Imperiums in Schwung.

Die Zeit in Paris war cool, aber auch hart. Oft spielte der 21-Jährige von 17 Uhr bis 4 Uhr morgens, konnte sich aber – wir schreiben das Jahr 1927! – schon nach wenigen Monaten ein eigenes Auto leisten, in solchen Strömen ergoss sich das Geld über die hippen, als Gauchos verkleideten Porteños. Ein Höhepunkt dieser mehr als aufregenden Jahre war ein Auftritt mit dem Superstar Carlos Gardel im angesehenen Cabaret Ambassador, denn Gardel präsentierte mit dem jungen Pianisten am Klavier dessen erste erfolgreiche Komposition Dandy.




Das Trio Argentino

Es war Francisco Canaro, der sein schon berühmtes Sängerduett Agustín Irusta und Roberto Fugazot, die sich selbst auf der Gitarre begleiteten, mit dem jungen Pianisten in Paris zu einem äußert populären Trio formte. Nach einer fulminanten Konzertserie in Madrid schlugen sie in Spanien Wurzeln, sangen sich im Gaucho-Kostüm mit ihren zarten Stimmen in alle Herzen und waren für die nächsten Jahre das Aushängeschild des Tango in Spanien. Radio-Auftritte machten sie zu Stars, die rund 50 Tangos, Valses und Milongas, die zwischen 1928 und 1934 entstanden, gingen weg wie frische Empanadas. 1937 endete die Zusammenarbeit mit Irusta und Fugazot. Doch 1945 gingen sie erneut auf Tournee, wofür Demare sogar sein Orchester aufgab.



Das Trio Argentino



Die Welt des Films

Selbst Hollywood warb Anfang der 30er-Jahren um die drei jungen Argentinier, um in Anlehnung an Gardels Erfolge Musical-Filme zu produzieren. Doch diese stellten lieber zwei eigene Filmprojekte in Spanien auf die Beine. Das erste, Boliche (1933), sorgte als erster Erfolg des spanischen Tonfilms durchaus für Furore, wenn auch andere die Profite abgriffen. Es war eine Art Road Movie, dessen Plot vor allem darauf abzielte, die schon aus dem Radio bekannten Hits zum Besten zu geben.
Lucio war nicht nur schauspielender Musiker, er komponierte auch die Filmmusik, und es sollte nicht seine letzte sein. Denn auch sein Bruder Lucas, der wie der Vater Geige spielte, entdeckte während der achtmonatigen Produktion seine Passion für den Film, entwickelte sich in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Regisseure Argentiniens und vertraute seinem Bruder Lucio viele dutzende Male die Vertonung seiner Werke an. Vielleicht liegt es auch an diesem zweiten Standbein, dass Demare die Karriere seines Tangoorchesters nicht ganz so intensiv verfolgte.

Der Spanische Bürgerkrieg führte die Argentinier schließlich 1936 zurück in die Heimat, wo Freund und Förderer Canaro sie sofort in seinen zahlreichen Shows und Filmen einsetzte, bis sich Demare 1938 aufmachte, um seine eigenen musikalischen Vorstellungen zu verwirklichen.



Der Komponist

Schon der Teenager versuchte sich an Foxtrotts und Pasodobles, und "Dandy", ein Tango, den der Zwanzigjährige in Paris schrieb, schaffte es ins Repertoire von Gardel oder Osvaldo Pugliese (1945, Chanel). Zu Beginn der 40er-Jahre mischte sich Demare mit dutzenden Tangos und Milongas unter die ganz großen Tango-Komponisten, zahlreiche bis heute unsterbliche Klassiker wie Telón, Hermana, Mañana zarpa un barco, Solamente ella, Tal vez será mi alcohol und natürlich Malena flossen aus seiner Feder.

So wie er sich als Filmmusiker von Bildern inspirieren ließ, komponierte er gerne zu Texten, und am liebsten waren ihm die metaphorisch aufgeladenen Zeilen seines Freundes und großen Poeten Homero Manzi. Als dieser ihm die Textzeilen von Malena, Demares größtem Hit, übergab, fiel ihm lange nichts ein. Um seinen Freund nicht zu enttäuschen, wollte er wenigstens schon einmal eine Idee zu Papier bringen, setzte sich in ein Café an der Ecke, und, so berichtet er in einem Interview, schrieb die Musik zu Malena in einem Satz in nur 15 Minuten.

(Bis heute ist umstritten, wer die Muse Malena ist. Manche vermuten dahinter eine brasilianische Sängerin, andere jedoch die berühmte Tango-Diva Libertade Lamarque, Manzis Geliebte. )
Mañana zarpa un barco:

Tal vez será su voz:






Die späten Jahre

In den 60ern, als Tango kein Massenphänomen mehr war, finden wir Demare, den die Leidenschaft zu den Tasten nie verlassen hatte, als Pianist in den wenigen noch bestehenden Tangokneipen von Buenos Aires. Oft stand er zusammen mit der der Sängerin ‚Tania‘ auf der Bühne des von ihr geleiteten Lokals Cambalache, wo sich auch die Freunde aus alten Tagen, Máximo Mori und Ciriaco Ortíz, einfanden. Später führte Demare seine eigene Bar, Malena del Sur in San Telmo im Zentrum der Stadt, wo er als Solo-Pianist auftrat.




Die Musik

Tangos

Demares Werk ist überschaubar, sein Stil variiert zwischen 1938 und 1945 nur wenig.

Juan Carlos Miranda

In diesen frühen Tangos wie "Telón", "Din Don" (1938) oder auch "Al compás de un tango" (1942) steht der Rhythmus noch mehr im Vordergrund, sein Meisterwerk lieferte Miranda 1942 mit Malena.



Al compás de un tango:




Raúl Berón

Mit 27 Titeln war Raúl Berón wichtigster und erfolgreichster Sänger.
Im Gegensatz zu Miranda und Quintana war er schon zuvor mit Caló und auch später mit Francini-Pontier erfolgreich. Doch sein eher lieblicher, etwas freier schwebender Gesangsstil scheint zwischen den ebenso freien Melodielinien des Orchesters nicht immer genug Halt zu finden. Perlen wie "Canta Pajarito", "El Pescante", "Oigo tu voz" oder "Tal vez será su voz" (1943) bestechen durch die feinen, gefühlvollen Arrangements.


Canta Pajarito:

Oigo tu voz


Horacio Quintana

Er fügt sich besser in das Orchester ein. Einige der 1944 entstandenen Tangos überraschen mit einem etwas orientalischen Touch. Bei "Oriente" ist der Titel natürlich schon Programm, aber auch "Alhucema", "Están sonando las ocho" oder "Igual que un bandoneón" haben dieses Orient-Feeling, das unter anderem durch die Verwendung entsprechender Harmonien wie dem melodischen Moll entsteht.                               

Oriente

Alhucema

Están sonando las ocho

Igual que un bandoneón


Valses

Demares leichte, melodiöse Valses "Se fue" und "Al pasar" (1943, Berón) oder "Dos corazones" (1944, Quintana) lullen Tänzer mit wunderschönen, verspielten Melodielinien ein, ohne auf feine rhythmische Phrasierungen zu verzichten. Romantik pur.

Se fue

Al pasar


Milongas

Demares Milongas sind anspruchsvoll: Ein hohes Tempo und die dynamischen, abwechslungsreichen Phrasierungen verlangen genaues Zuhören, saubere Tanztechnik und gute Kommunikation im Paar. Neben klassischen Milongas wie der coolen instrumentalen "La esquina" (1938) oder "Señores, yo soy del centro" (1944, Quintana) war Demare auch ein Fan der um 1940 populären, für genussvolle Milongas aber zu schnellen ‚Milonga Candombe‘. Beispiele hierfür sind "Negra María" (Miranda, 1941) oder "Carnavalito" (1943, Berón).

La esquina: Wow, was ein Tanz!!


Dos Corazones





Señores, yo soy del centro


Negra Maria


Carnevalito
eine geniale Performance!!