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Corrientes y Esmeralda von Osvaldo Pugliese


Orchester Osvaldo Pugliese
Vok: Roberto Chanel
T: 2:52, BPM: 57

Musik: Francisco Pracánico

Text:Celedonio Esteban Flores

Aufnahmen: Celedonio Esteban Flores Francisco Lomuto (1934, Díaz), Aníbal Troilo (1942, Fiorentino), Osvaldo Pugliese (1944, Chanel), Astor Piazzolla (1945, Fiorentino), Juan D’Arianzo (1945, Echagüe) u.a.

 

Einführung

Schon kurz nach 1900 lockte die Calle Corrientes zwischen den Straßen Esmeralda und Callao. Rund um die Uhr strömten die Porteños in die zahlreichen Cafés, Confiterias, Theater, Kinos, Buchgeschäfte. Sie galt und gilt als die Straße, die niemals schläft.

 

Und natürlich ist Corrientes y Esmeralda nicht irgendeine Straßenecke, nein, hier schlug für viele Jahrzehnte das Tangoherz von Buenos Aires. Carlos Gardel „El Zorzal“ verkehrte mit seinem Gitarristen Razzano im Café Guaraní, die berühmten Vergnügungstempel Teatro Maipo das Cabaret Royall Pigall oder das Teatro Odeón mit über 1800 Plätzen empfingen hier ihre Gäste. Schriftsteller, Tangomusiker, Dichter, Künstler und Nachtschwärmer gaben sich ihr Stelldichein.

 

Die Corrientes war zwar immer eine zentrale Achse der Stadt, doch bis zu Beginn der 30er-Jahre konnte man sich noch von Fenster zur Fenster über die Straße hinweg unterhalten, wenn nicht gerade die Tram in der engen Straßenflucht an der Bordsteinkante entlangschrappte. Wegen des rasanten Wachstums der Stadt hatte die Regierung schon 1910 anlässlich des 100-jährigen Stadtjubiläums beschlossen, die Corrientes zusammen mit anderen wichtigen Straßen zu breiten Boulevards auszubauen, damit Buenos Aires seinem Ruf als Paris Südamerikas gerecht wurde. Doch erst zwischen 1931 und 1936 fielen die Häuser der Nordseite der Verbreiterung zur sechsspurigen Avenue zum Opfer. Anstatt der heimeligen Tranvia (=Straßenbahn) rast heute die Linea B durch den Untergrund. Und auch der berühmte Obelisk streckt sich seitdem auf der Kreuzung der Corrientes mit der 16-spurigen Avenida 9 de Julio über 67 m in die Höhe. Seitdem trauern Nostalgiker und Poeten der alten Corrientes nach. Und so wundert es nicht, dass der Komponist Francisco Pracánico 1933 den über ein Jahrzehnt vorher entstandenen Text vertonte, dessen Zeilen das pralle Leben der alten Corrientes mit vielen Facetten, wenn auch voller Klischees kontrastreich lebendig werden lassen.

 

Lunfardo

Dass sich diese Zeilen auch spanischen Muttersprachlern nicht sofort erschließen, liegt an den vielen Begriffen, die dem Lunfardo (wahrscheinlich abgeleitet von „Lombardei“) entstammen. Millionen vielfach wenig gebildete europäische Einwanderer, insbesondere Italiener, trafen in der Enge der Vorstädte auf Einheimische, Gauchos und Kreolen und entwickelten ihre ganz eigene Umgangssprache des Volkes, die später regelmäßig von Intellektuellen und nationalistischen Politikern darauf reduziert wurde, Sprache der Gauner und Verbrecher zu sein. Die neue autoritäre Regierung von 1943 erließ sogar Gesetze gegen die Verwendung des Lunfardo. Nach 1910 wurde Lunfardo auch literarisch. Tangopoeten und die Dichter der Sainetes genannten sehr populären argentinischen Volkskomödien nutzten es, um das verruchte Milieu der Tangowelt zu karikieren. Typische Personen der Tangowelt wie beispielsweise der Compardrito, ein angeberischer Möchtegern, konnten so ironisch und übertrieben dargestellt werden. Einerseits entstanden dabei neue, künstliche, wie Lunfardo klingende Ausdrücke, andererseits trugen das Radio und die Texte der Tangos die zunächst auf die Vorstädte von Buenos Aires beschränkte Sprache nun ins ganze Land. Lunfardo ist immer noch lebendig und entwickelt sich vor allem unter Jugendlichen ständig weiter.

 

 

Kennzeichen des Lunfardo

 

Typisch sind Metaphern. Die Langfinger nannten den, der das Revier ausspähte, campana (sp. Glocke), cana steht für Polizei (fr. canne=Stock). Hinzu kommen Entlehnungen aus den Einwandersprachen (z.B. sánguche von engl. Sandwich). Andere Neubildungen beruhen auf Silbendrehern. So wird aus Tango Gotan, aus viejo (der Alte) jovie oder aus cabeza (der Kopf) zabeca. Aber auch Verkürzungen sind typisch. Ein Tano ist ein neapolitano, und aus dem comisario wird der sario.

Höranleitung:

Der Zauber dieses musikalischen Gedichts erschließt sich vor allem aus der subtilen Interpretation der einzelnen Phrasen, denn der Aufbau bleibt traditionell: Vers (A-Teil) und Strophe (B-Teil) erklingen zunächst instrumental, im zweiten Durchgang singt Chanel, übernimmt aber im fünften Abschnitt (A) nur die zweiten 16 Sekunden, eine Variacion fehlt. Das Orchester markiert den Beat, im Gegensatz zu vielen späteren Pugliese-Tangos noch durchgehend und regelmäßig. Und auch das Yum-Ba-Feeling ist zwar präsent, es drängt aber nicht mit Wucht in den Vordergrund.

Indem die Streicher insgesamt im Vordergrund stehen und Pugliese die Bandoneons nur zurückhaltend einsetzt, entsteht ein luftiger Gesamteindruck.

 

Das Orchester startet mit einem rhythmisch charakteristischen Doppeltakt aus teilweise synkopierten zackigen Sechszentelnoten. Auf dieses mehrfach wiederholte Muster, das den Puls der Straße lebendig werden lässt, antwortet jeweils eine ruhigere Phrase, deren letzte Schläge Pugliese mit einem langsam anschwellenden Bass und perlenden Melodien bescheiden, aber virtuos veredelt.

 

Die Spannung, die Magie der Musik ensteht aus den in Noten nicht darstellbaren Nuancen in der Geschwindigkeit und Dynamik. Diese kleinen Verzögerungen, dieses subtile An- und Abschwellen prägen auch Chanels kunstvoll phrasierten Gesang, den das Orchester zunächst nur mit mächtigem Marcato, ab 1:48 auch mit einer wunderschönen Gegenmelodie der Geigen begleitet.

 

 

Gaia Pisauro and Leandro Furlan - Berlin 2022

   

Angel Vargas

Edmundo Rivero

Adriana Varela

Osvaldo Fresedo mit Hector Pacheco

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Corrientes y Esmeralda

Spanisch

Corrientes y Esmeralda

Deutsch

Amainaron guapos junto a tus ochavas
cuando un cajetilla los calzó de cross
y te dieron lustre las patotas bravas
allá por el año... novecientos dos...
Die Streithähne machten sich rar
an deinen Straßenecken, als ein
feiner Lebemann ihnen einen
Haken verpasste;
und dir wilde Gangs  Glanz
gaben, damals
um das Jahr…
Neunhundert zwei…
Esquina porteña, tu rante canguela
se hace una melange de caña, gin fitz,
pase inglés y monte, bacará y quiniela,
curdelas de grappa y locas de pris.
Straßenecke meiner Stadt,
deine schäbige Festgemeinde
macht sich einen Cocktail aus
Weinbrand, Gin Fitz,
Craps-Würfelspiel
und Monte-Kartenspiel,
Bakkarat und Lottowette,
Grappa-Säufern
und leichten Koks-Mädchen
El Odeón se manda la Real Academia
rebotando en tangos el viejo Pigall,
y se juega el resto la doliente anemia
que espera el tranvía para su arrabal.

 
Im Odeon läuft das Stück 
Königliche Akademie,
in dem Tangos des alten Pigall
wiederhallen,
und mit ihren letzten Kräften spielt darin
die leidende Anämie,
die auf die Straßenbahn
in Richtung Vorstadt wartet.
De Esmeralda al norte, del lao de Retiro,
franchutas papusas caen en la oración
a ligarse un viaje, si se pone a tiro,
gambeteando el lente que tira el botón.

 
Von der Esmeralda nach Norden hin,
auf der Retiro-Straßenseite,
kommen abends leichte Französinnen an,
auf der Suche nach Kunden –
wenn welche zu erhaschen sind –
ständig den wachsamen Augen der Polizisten ausweichend.
En tu esquina un día, Milonguita, aquella
papirusa criolla que Linnig mentó,
llevando un atado de ropa plebeya
al hombre tragedia tal vez encontró...
An deiner Ecke fand eines Tages vielleicht Milonguita,
jene argentinische Schönheit,
die Linnig meinte, mit einer
gewöhnlichen Zigarette in der Hand,
den wartenden Tragödien-Mann…
Te glosa en poemas Carlos de la Púa
y el pobre Contursi fue tu amigo fiel...
En tu esquina rea, cualquier cacatúa
sueña con la pinta de Carlos Gardel.
Dich erwähnt in Gedichten Carlos de la Púa
und der arme Contursi war dein treuer Freund…
An deiner ganovenhaften Straßenecke
träumt auch der letzte Kakadu davon,
wie ein Carlos Gardel auszusehen.
Esquina porteña, este milonguero
te ofrece su afecto más hondo y cordial.
Cuando con la vida esté cero a cero
te prometo el verso más rante y canero
para hacer el tango que te haga inmortal.
Ecke der Stadt, dieser Milonguero
hier bietet dir seine tiefste und
herzlichste Zuneigung.
Ich verspreche dir,
wenn ich mit dem Leben
Null zu Null stehe,
den schäbigsten und
knastbrüderlichsten Vers,
um den Tango zu verfassen,
der dich unsterblich macht.