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Gricel de Aníbal Troilo 


Orchester Aníbal Troilo
Vok: Francisco Fiorentino
T: 3:31, BPM: 62

Musik: Mariano Mores 1916 – 2016
Pianist, Orchesterleiter, Komponist)

Text: José María Contursi 1911 – 1972
Tango-Poet, Bohemien, Beamter



Einführung

Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann (Enrique Santos Discépolo) ist ein Klischee, das so plattgetreten ist wie die Füße vieler Tangueros.

Die Texte des Tangopoeten José María Contursi, die er für seine Geliebte Gricel verfasste, nähren dieses Klischee mit jeder Textzeile.

Reif fürs Kino ist allerdings das über Jahrzehnte andauernde, reale Liebesdrama, das Contursi dazu anregte, eine Handvoll der bewegendsten Tangotexte zu verfassen.


Die erste Begegnung 1935

Susana Gricel Viganó, eine bezaubernde Rothaarige, die später regelmäßig die Schönheitswettbewerbe ihrer verschlafenen Provinzheimat in der Region Córdoba gewann, wo sie ansonsten ein recht langweiliges Leben fristen musste, reiste 1935 als Fünfzehnjährige nach Buenos Aires. Ihre Bekannte, Nelly Omar, eine der großen Tangodiven, hatte sie zu einem ihrer Konzerte im Radiosender Stentor eingeladen. Ob sich die Teenagerin mit den verträumten blauen Augen für die Musik interessierte, ist nicht überliefert.

Sie begegnete jedenfalls dem Radiomoderatoren José María Contursi, el duque de la noche porteña (König der Nacht), Dandy und Bohémien, gutaussehend, redegewandt, ein notorischer Frauenverführer. Er war allerdings schon verheiratet und liebte seine kleine Tochter. Gricel kehrte in die Provinz zurück.

1938: "Kuraufenthalt" bei Gricels Eltern in Capilla del Monte

Drei Jahre später sollte Contursi aus gesundheitlichen Gründen einen Luftkurort aufsuchen.

Es war Nelly Omar, die ihn an ihre Bekannte Gricel in Capilla del Monte in der Provinz Córdoba erinnerte, deren Eltern dort eine Pension betrieben.

Die junge Gricel widerstand den Verführungskünsten des eleganten Lebemenschen nicht, doch es war Contursi, der sich unsterblich in die Provinzschönheit verliebte.

Angeblich aus gesundheitliche Gründen reiste er nun regelmäßig nach Capilla del Monte, hielt das Feuer der Liebe mit Briefen lebendig, entschied sich aber schließlich zwei Jahre später, als seine Frau erkrankte, für seine Familie.

Gricel, die in der Beziehung weit mehr als ein Verhältnis gesehen hatte, blieb zutiefst verletzt zurück. Sie beschloss, so sagt man, nie mehr zu weinen und zu trauern und beantwortete Contursis Liebesbeteuerungen von nun an mit großer Kühle.




1939 - 1945 Tangetexte voller Tragik

Seine unerfüllte Sehnsucht, von der niemand in Buenos Aires etwas ahnte, goss der Schwerenöter nun in herzzerreißende Tangotexte, von denen sich die größten Tangokomponisten der 40er-Jahre zu Höchstleitungen inspirieren ließen.

Titel wie
Quiero verte una vez más (1939)

Ich möchte dich noch einmal wiedersehen)

En esta tarde gris (1941)

An diesem grauen Nachmittag

Toda mi vida (1941)

Mein ganzes Leben

und schließlich

Gricel (1942)

erzählen von Contursis unerfüllter Liebe.
Alle großen Orchester wie Lomuto, Troilo, Pugliese, Caló, Canaro und viele andere nahmen sie erfolgreich in ihr Repertoire auf.
Später folgten noch weitere Titel wie
Cada vez que me recuerdes (1943)

Immer wenn du an mich denkst und

La noche que te fuiste (1945)

Die Nacht, in der du mich verlassen hast.

Gricel galt in ihrer Heimat nun als Gricel, la del Tango, gewann weiter alle Schönheitswettbewerbe, war auf Bällen umworben, aber erst 1949 heiratete die Zweiundzwanzigjährige und bekam eine Tochter. Ihr Mann war ein ähnlicher Frauenheld wie Contursi, er verließ, sie als sie 40 war, sie lebt bei den Eltern und schlägt sich als Lehrerin durch.


1962 Spätes Glück?

27 Jahre nach ihrer ersten Begegnung erfährt Gricel, dass der mittlerweile verwitwete Contursi sich seit Jahren von Depressionen verfolgt dem Alkohol hingibt und völlig zurückgezogen vor sich hinvegetiert.

Ohne zu zögern fährt sie sofort nach Buenos Aires, reißt den großen Poeten aus seiner Agonie, die Liebe erwacht erneut, sie heiraten 1967 und verbringen noch einige Jahre in Capilla del Monte fern der alkoholischen Verlockungen der Großstadt.


1972 Das Ende

Das Happy End dieser bewegenden Liebesgeschichte dauerte nur knapp fünf Jahre, 1972 verstarb Contursi, schon länger an der Leber erkrankt. Gricel lebte über 20 Jahre alleine, sie verstarb 1994 an einem Schlaganfall.


Contursi war die Tangopoesie tatsächlich in die Wiege gelegt worden.
Denn sein Vater Pascuale galt als einer der großen Tangopoeten der vorangegangenen Generation, von ihm stammen sowohl der erste Text zu La Cumparsita als auch die Verse des Tangos, der als erster echter gesungener Tango gilt: Mi noche triste legte 1917 den Grundstein für Gardels Gesangskarriere.

Aníbal Troilo (1942/Francisco Fiorentino)



Höranleitung


Troilos Truppe entwickelt das in der Komposition von Mariano Mores angelegte musikalische Frage-Antwort-Spiel kunstvoll und filigran weiter. Nahezu jede Taktfolge dieser dreieinhalbminütige Mini-Oper voller kleiner Dialoge atmet das Hin und Her, die Sehnsucht und Verzweiflung dieser Liebe.

Fast unvermittelt erklingt das zentrale, später vielfach variierte Motiv: eine ansteigende Tonfolge, eine abfallende Tonfolge sowie die harmonische Zusammenführung, die die wehmütig gerufenen Silben von Gricel mehrfach anklingen lässt. Der geringe Tonumfang steigert noch die Melancholie. Doch es sind nicht nur diese Tonfolgen, die miteinander zu sprechen scheinen: Vor allem der Pianist Orlando Goñi, manchmal auch Troilo, beantworten kurze Phrasen variierend und kommentierend.

Für Tänzer sehr berechenbar basieren nahezu alle Tangos auf jeweils halbminütigen Abschnitten (in der Regel acht Takte á vier Schläge = 32 Schritte), genannt ‚Strophe’ und ‚Refrain’, die einander abwechseln.

Gricel hingegen hat Abschnitte unterschiedlicher Länge, und untypisch ist auch die Zweiteilung dieses Tangos: Erst nach dem 1:40 langen Instrumentalteil setzt Francisco Fiorentino mit seinem Gesang ein. Voller Tatendrang stampft darunter zunächst ein kräftiger Rhythmus, der nach wenigen Takten hinter die zögerlich-wehmütige Begleitung durch Geigen und Bandoneon zurücktritt.

Ab 2:02 gesellt sich noch eine in klaren Tönen schwebendende Geigenmelodie dazu.

Diese Eleganz, mit der Troilo seinen Sänger Fiorentino in das Orchester integriert und gleichzeitig den Text interpretiert, erkennt man auch bei 2:35 bis 2:45: Während der zentralen Textstelle porque no te olvidé (weil ich dich nicht vergessen habe) verstummt das Orchester nahezu vollständig, um darauf mit dramatisch klingenden Triolen wieder einzusetzen.





Francisco Canaro (1942/Eduardo Adrian)
Legendär versemmelt hat Canaro bzw. Mariano Mores, sein Arrangeur, Pianist, ja auch Komponist von Gricel, diese Interpretation!!




Atilio Stampone (1971/Roberto Goyeneche)
Die Weltmeister von 2015 rechtfertigen grandios choreographiert Goyeneches Wucht und Stampones Geigenteppiche.



Lidia Borda




Cuarteto Bando (2011/Caio Rodríguez)

Gricel

No debí pensar jamás

en lograr tu corazón

y sin embargo te busqué

hasta que un día te encontré

y con mis besos te aturdí

sin importarme que eras buena...

Tu ilusión fue de cristal,

se rompió cuando partí

pues nunca, nunca más volví…

¡Qué amarga fue tu pena!

No te olvides de mí,

de tu Gricel,

me dijiste al besar

el Cristo aquel

y hoy que vivo enloquecido

porque no te olvidé
ni te acuerdas de mí...

¡Gricel! ¡Gricel!


Me faltó después tu voz

y el calor de tu mirar

y como un loco te busqué

pero ya nunca te encontré

y en otros besos me aturdí…

¡Mi vida toda fue un engaño!

¿Qué será, Gricel, de mí?

Se cumplió la ley de Dios

porque sus culpas ya pagó

quien te hizo tanto daño.

Gricel

Ich hätte nie gedacht

dein Herz zu erlangen

und trotzdem suchte ich dich

bis ich dich eines Tages fand


und dich mit meinen Küssen durcheinanderbrachte

ohne dass es mir wichtig war, dass du gut warst…

Deine Illusion war aus Kristallglas

sie zerbrach als ich ging


denn nie, nie mehr kehrte ich zurück

Wie bitter war dein Kummer!

Vergiss mich nicht

deine Gricel,


sagtest du mir jenen Christus küssend

und heute lebe ich im Wahnsinn

weil ich dich nicht vergessen habe

nicht einmal erinnerst du dich an mich…


Gricel! Gricel!


Später fehlte mir deine Stimme

und die Wärme deines Blicks

und wie ein Verrückter suchte ich dich

aber ich fand dich schon nicht mehr


und in anderen Küssen verlor ich mich

Mein Leben war ganz und gar ein Betrug!

Was, Gricel, wird von mir bleiben?

Es erfüllte sich das Gesetz Gottes

denn seine Schulden hat er bereits gezahlt, der dir so viele Schmerzen bereitet hat.

Übersetzung: https://www.nastasja.net/gricelcontursi/