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Suerte Loca (1924)

Das Kartenspiel als Metapher des Lebens

(2022)

Text: Francisco García Jiménez

Musik: Anselmo Aieta



Vollgepfropft mit versteckten Andeutungen verknüpft der Texter Francisco García Jiménez in diesem Monolog eines Älteren an den jüngeren Kumpel Bilder aus der Welt des Kartenspiels mit dem unberechenbaren, tückischen Leben, dem sich der Mann der Straße in den 20er-Jahren stellen musste.

Einige Andeutungen im Text verweisen dabei auf das argentinische Kartenspiel schlechthin:


Truco

Dieses Río-de-la-Plata-Kartenspiel, bei dem wie beim Pokern das Erhöhen des Einsatzes im richtigen Moment spielentscheidend ist, gehörte und gehört zur Seele Argentiniens wie der Tango, das Asado oder – zumindest früher – die Leidenschaft für Pferderennen.

Und genauso wie es Jahre braucht, den Tango zu verstehen, braucht es Jahre, Truco zu beherrschen.

Dabei sind die Regeln schnell erklärt.

Vier oder sechs Spieler treten in Teams gegeneinander an. Jeder erhält drei von 40 dem Skat-Blatt ähnelnden spanischen Karten. Spielentscheidend ist allerdings weniger das Kartenspiel selbst, das die Argentinier für uns ungewohnt gegen den Uhrzeigersinn spielen.

Stattdessen zählen freches Blöffen und geschicktes Palavern.

Truco ist, ganz im Gegensatz zum eher kühl und schweigend gespielten Poker, eingebettet in Quatschen, Angeben, Verschleiern und verstecktem Kommunizieren. Mit von Region zu Region unterschiedlichen Gesten und Floskeln versuchen nämlich die Spieler eines Teams, sich den Wert der eigenen Karten mitzuteilen, möglichst ohne dass der Gegner dies nachvollziehen kann. Gleichzeitig versuchen die Spieler den Gegner mit großen Worten vom Wert des eigenen Blattes zu überzeugen, ihn zu verunsichern oder bloßzustellen oder die für den Spielverlauf entscheidenden Schlüsselwörter wie Truco, Retruco oder Envidio usw. im eigenen Redeschwall versteckt unterzubringen. Und wenn jemand so richtig hereingelegt wurde, dann verwenden die Argentinier dafür die Redensart Hacerle la cama a alguin (jemanden das Bett machen).


Die Komposition

Anselmo Aieta, ein Musiker der ersten Tango-Generation, die als Guardia Vieja die Grundlagen für das Genre entwickelte, zählt zu den wichtigsten Komponisten der 20er-Jahre, der nicht nur Gardel zahlreiche Hits lieferte. Zwar wachte Aieta quasi jeden Morgen mit einer neuen Melodie auf. Da der intuitiv Bandoneon spielende Autodidakt selbst aber keine Noten schreiben konnte, notierten seine Freunde, insbesondere Charlo, der damals ähnlich populär war wie Gardel, seine frischen Melodien.


Höranleitung:

Aieta komponierte Suerte Loca 1924, also bevor die Musiker rund um Julio de Caro dem Tango musikalische Tiefe und Komplexität verliehen.

Gleichzeitig stand Aieta, der selbst Anfang der 20er-Jahre mehrere Orchester leitete, immer für die traditionelle Entwicklungslinie des Tango.

Und ganz in diesem Sinn interpretiert Enrique Rodríguez diesen Tango.

Der erste Teil (0 – 0:34) lebt vom Dialog des Klaviers mit der unisono im Stakkato gespielten, für diesen Tango so charakteristischen Eingangsphrase aus Sechszehnteln und Zweiunddreißigsteln.

Im zweiten Teil (0:34-1:04) etabliert sich bei 0:40 der fast schon etwas monoton stampfende, jeden Schlag betonende Compás der Bandoneons, der auch im gesungenen Teil (1:04-2:08) die alleinige Begleitung für den wie immer betörend schönen Gesang Armando Morenos bildet. Geschickt und für Tänzer sehr inspirierend unterbricht Rodriguez diese Monotonie nach jeweils acht Schlägen durch kleine, rhythmische Einwürfe des Pianos.

Gegenmelodien, Frage-Antwort-Spiele, harmonische Erweiterungen oder gar eine rhythmisch ausgefeilte Variación im Schlussteil fehlen hingegen völlig.

Troilo verwendet nahezu das gleiche Notenmaterial. Sein Suerte Loca, das im ersten Moment weit weniger das Tanzbein inspiriert, sprüht aber vor musikalischer Finesse und Musikalität, die im wunderbar feinfühligen Solo des fünften Abschnitts ihren Höhepunkt findet.

D’Arienzo hingegen plustert 1964 diesen Klassiker mit dem für die 60er-Jahre typischen Pathos und Schmelz auf, ohne, wie sonst so oft, zu aufdringlich zu werden. Grandios!





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Enrique Rodríguez (24.10.1941 – Armando Moreno)
Pablo Rodríguez y Majo Martirena - 2022



Francisco Canaro (Voc: Charlo, 1928)




Aníbal Troilo (Voc: Francisco Fiorentino, 1942)



Juan D’Arienzo (Armando Laborde, 1964)












































































Suerto Loca

En el naipe del vivir,


suelo acertar la carta de la boca…


y a mi lado oigo decir


que es porque estoy con una suerte loca.


Al saber le llaman suerte


lo aprendí viendo trampearme


Y ahora solo han de coparme


los que banquen con la muerte.


¡En el naipe del vivir,


para ganar, primero perdi!

Yo también entré a jugar


confiado en la ceguera del azar,



y luego vi que todo era mentir…


y el capital 
en manos del más vil.

No me creés…
 te pierde el corazón…


que fe tenés… 
¿No ves que no acertás?



¡Que si jugás a cartas de ilusion,


son de dolor las cartas que se dan!

No me envidies si me ves acertador,

pues soy el Desengaño...


Y si ciego así perdés,

es que tenés los lindos veinte años...

El tapete es la esperanza

y, a pesar de lo aprendido,


si me dan lo que he perdido

vuelve a hundirme la confianza...

¡Suerte loca es conservar

una ilusión en tanto penar!

Suerte Loca

In the card-game of life,

I usually know what's in the dealer's hand...*

And at my side, I hear them say

it’s ‘cos I’ve got some crazy luck!


"Knowledge is often mistaken for luck";*
I learned that by seeing myself get fleeced.

And now, the only ones who'd "see" my bets*

are those who'd pay with their lives.*


In the card-game of life,

to win, I first had to lose!

I too started to play,

trusting in the blindness of chance.


And then I saw that it was all a lie...

that the vilest cheat held all the cash.*

You don't believe me? Your heart leads you astray!*

What faith you've got! Don't you see you've got it wrong?*


That if you play cards of illusion,*

you'll be dealt the cards of pain!

Don’t be jealous if I call your bluff,*

Disappointment is my middle name!


And if you blindly lose,

it's just that you’re too young to know the score…*

For me, the table is the only hope

and, despite all I’ve learned,


if they gave me back what I've lost,

the confidence would ruin me all over again.

Crazy luck is maintaining an illusion

in so much agony!