ORCHESTA TIPICA VICTORsowie der Beginn der Musikindustrie in Argentinien- Odeon und die ersten Musik-Konserven- Max Glucksmann - ein argentinischer Medien-Mogul und Kopf von Odeón argentina- Victor Talkin Machines Argentina- Das Orchesta Típica Select (1920)- Das Orquesta Típica Victor (1925-1943)- Andere Hausorchester- Pop verdrängt den Tango - Der Club del Clan- Wichtige Musiker des OTV: Adolfo Carabelli, Elvino Vadaro, Ciriaco Ortiz- OTV und Rodolfo Carabelli für Tänzer- Diskographie |
La Milonga de las fortines - 1937 - Mariano Balcarce (Sebastián Piana, Homero Manzi)Das Signalhorn zu Beginn passt zum Titel Festungen. Die Milonga, sicher eine der meistgespielten, besingt die Einsamkeit des Dienst tuenden Soldaten im Fort draußen in der Pampa. |
Aufnahmen des Orquesta Típica Victorrund 450 Kaufetangotimetravel stellt den Katalog von 1925 - 1930 bereit, www.tangotunes.com bietet einige Aufnahmen von Adolfo Carabelli sowie einen LP-Transfer des OTV. Christian Gehberger von www.tango-dj.at hat eine sehr schöne OTV-Kompilation mit selbst transferierten Schellacks. Die CD von Tango Collection fasst gelungene Transfers zusammen. |
Stilrhythmisch, präzise, musikalisch |
Wichtigste MusikerPiano/Arrangement:Adolfo Carabelli Geige: Elvino Vardaro Bandoneon: Ciriaco Ortiz, Luis Petrucelli |
Wichtigste SängerCarlos Lafuente Roberto Díaz Alberto Gómez |
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Odeon und die ersten Musik-KonservenGlobal Player wie Sony, iTunes und Amazon, in den letzten Jahren auch Youtube, Deezer oder Spotify, beeinflussen mit ihrer ökonomischen Macht weltweit die Musikmärkte wie auch die Entwicklung von Musikerkarrieren und überschwemmen lokale Märkte mit internationaler Musik. Doch auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als der Tango entstand und blühte, waren es einige wenige globale Konzerne, darunter der US-amerikanische RCA-Victor sowie das von Berlin aus agierende Odeón-Label, die den argentinischen Musikmarkt kontrollierten und erheblichen Einfluss darauf hatten, welche Orchester mit welchen Stücken überhaupt ins Aufnahmestudio durften und somit der Nachwelt überliefert wurden. Die ersten Jahrzehnte nach 1900 kontrollierte der argentinische Zweig des Berliner Konzerns Odeón monopolartig den argentinischen Markt. Später ging Odeón im Konzern EMI auf. |
Odeón – Disco nacional
Label: Pariser Odeón-Tempel, der auch Namensgeber war. |
Die ersten Musik-KonservenKurz nach 1900 begann mit dem Massenvertrieb von Grammophonen und Schellacks eine Revolution der Musikwelt: Zum ersten Mal konnte Musik jederzeit reproduziert werden. Bis dahin verbreiteten sich Hits vorwiegend über Notenblätter. Meist wenig bekannte Musiker spielten die Noten dann nach ihrem Vermögen in ihrem Stil. Den Komponisten kannte daher damals jeder, erst die Schellacks machten, so wie wir es heute kennen, die Interpreten zu Stars. Die Plattenfirma Odeón, gegründet von Max Strauss und Heinrich Zunz, etablierte sich mit der Erfindung der doppelseitig abspielbaren Schellack am Weltmarkt und spezialisierte sich erfolgreich auf Weltmusik. Odeóns Taktik: Mit den lokalen Märkten vertraute heimische Agenten knüpften Kontakte zu dort populären Künstlern. Dann rückten die Berliner Ingenieure mit der wertvollen Aufnahmetechnik an und konservierten die Musik zunächst in Wachsrohlingen, aus denen dann die Master, metallene Negativformen durch Galvanisieren hergestellt wurden (=> siehe Video). Mit deren Hilfe produzierte Odeón in Berlin Hundertausende von Schellacks und exportierte diese, auch damals war die Welt schon globalisiert, in großen Auflagen in den Nahen Osten, nach Asien, nach Afrika, aber eben auch nach Südamerika.Schon 1906 überschwemmte Odeón den internationalen Markt mit über 11.000 unterschiedlichen Titeln. |
Odeon - Trichtergrammophon, Deutschland, um 1920.Schellackproduktion bei Victor/Camden/New York - gefilmt 1942. |
Max Glucksmann - ein argentinischer Medien-Mogul und Kopf von Odeón argentinaExtrem erfolgreich erschloss in diesem Sinne der 1890 aus Österreich eingewanderte Max Glucksmann für Odéon den argentinischen Markt. Der junge Selfmademan und angehende Medienmogul erkannte sehr früh die zukünftige Bedeutung des Films, organisierte 1896 die erste Filmvorführung Argentiniens im Theater Odeon, produzierte 1900 einen ersten und später zahlreiche weitere Dokumentarfilme und reiste nach Paris, um sich exklusiv den Vertrieb von europäischen Filmapparaten für ganz Südamerika übertragen zu lassen. Für Odeón organisierte er in Buenos Aires als lokaler Verbindungsmann die Produktion von Schellack-Aufnahmen. Wohl weil er quasi Landsmann war und wegen der großen Entfernung gelang es Glucksmann die Berliner Odeón zu überzeugen, im fernen Buenos Aires 1913 ein Ton-Aufnahmestudio sowie eine Schellack-Fabrik zu errichten. Bis 1914 hatte Glucksmann den einzigen ernsthaften Konkurrenten, die US-amerikanische Victor, an den Rand gedrückt und mit seinem Label Disco nacional den Markt für Tangomusik unter seine Kontrolle gebracht, indem er langfristige Verträge mit den besten Musikern der Guardia Vieja wie Francisco Canaro, Francisco Lomunto oder Roberto Firpo schloss, aber auch die wichtigsten Tango-Komponisten an sich band. Er kontrollierte monopolartig sowohl den Notenmarkt als auch die Musikproduktion. Weil er als einer der ersten seine Musiker mit einer Art von Tantiemen an den Einkünften beteiligte, genoss er trotz seiner Machtposition große Sympathien unter seinen Künstlern. Und da verwundert es natürlich nicht, dass Glucksmann seit 1917, also in dem Jahr, in dem Carlos Gardel mit Mi noche triste seine Tangokarriere startete, auch diesen Superstar unter Vertrag nahm. | ![]() |
Gleichzeitig betrieb er in ganz Südamerika über 100 Stummfilmkinos, darunter in Buenos Aires das Grand Splendid, das Palace Theatre oder das Select Lavalle, die in den 20ern Musentempel der Tangosextette waren. Einen Einblick in die theatrale Pracht dieser cineastischen Tempel kann man heute noch in Buenos Aires im Ateneo Grand Splendid gewinnen. Das Gebäude entstand 1903 als Teatro Nacional, wurde im Auftrag von Glucksmann 1919 prächtig in das Grand Splendid umgebaut, Ende der Zwanziger in ein Kino umgewandelt und beherbergt seit seiner Renovierung im Jahr 2000 eine Buchhandlung der Kette Ateneo. |
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Weil der Schellack-Absatz seit Mitte der 20er Jahre durch das neue Medium Radio unter Druck geriet, veranstaltete Glucksmann von 1924 bis 1930 eine Reihe von damals legendären, jährlich stattfindenden Argentinien sucht den Supertango-Wettbewerben, die Concursos de Max Glucksmann: Neukompositionen wurden von Glucksmanns Star-Orchestern wie Canaro, Lomuto oder Fresedo in ausgewählten Kinos und Theatern an vielen Abenden hintereinander live aufgeführt, das Publikum wählte jeweils den beliebtesten Titel, der am Ende natürlich auf Schellack gepresst wurde. Berühmte Tangos wie Sentimiento Gaucho (Canaro), Organito de la tarde (José González Castillo) oder Alma en pena (Anselmo Aieta) wurden für diese Wettbewerbe komponiert. |
Das Teatro Grand Splendid - Vorläufer der Buchhandlung Ateneo und Austragungsort der Concursos de Max Glucksmann im Jahr 1926 und 1927.
Verkündung der Gewinner des Wettbewerbs, diese sollen für den Carneval sowohl von den Odeon-Orchestern als auch vom Duo Razzana-Gardel in der gerade erst etablierten, neuen elektronischen Aufnahmetechnik im Odeon-Studio aufgenommen werden. |
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Die krisengebeutelten Dreißiger gingen auch an Großunternehmer Glücksmann nicht vorbei. Er stieß sein Kinoimperium ab und konzentrierte sich von nun an auf sein Plattenlabel Odeón Nacional. Glucksmann pflegte seine Stars wie Gardel, Canaro, Fresedo oder Lomuto, indem er ihnen als einer der ersten Gewinnanteile an den Verkäufen zusicherte. Er würgte aber Ende der Dreißiger Jahre auch die Aufnahmekarrieren großer Stars wie Aníbal Troilo, Ricardo Tanturi oder Pedro Laurenz ab, indem er sie quasi präventiv, vor der Konkurrenz, langfristig unter Vertrag nahm, dann aber kaum Aufnahmen machen ließ, weswegen heute z.B. die ersten Jahre von Aníbal Troilos Schaffen kaum dokumentiert sind. Viele Stars der Vierziger wie Miguel Calo, Osvaldo Pugliese oder Rodolfo Biagi wurden aber vom geschäftssinnigen Glucksmann erfolgreich gefördert. Odeon ging später in EMI auf, die heute die Rechte am Odeon-Katalog haben. |
Victor Talkin Machines ArgentinaDie US-amerikanische Victor Talking Machines mit Hauptsitz in Camden/New Jersey startete 1901 als Hersteller von Grammophonen, vertrieb aber auch die dazugehörigen Schellacks, 1902 waren es schon mehr als zwei Millionen. Zahlreiche Patente sicherten Victor die Marktmacht, sodass die Firma in den nächsten Jahren nicht nur den amerikanischen Markt dominierte, sondern seine Schellacks und Grammophone weltweit vertrieb. Aber auch Victor kämpfte seit Mitte der Zwanziger gegen die Konkurrenz des Radios, insbesondere in Form des mächtigen Radio-Elekronik-Konzerns RCA, der Viktor 1929 schließlich aufkaufte, sodass der Mega-Konzern RCA-Victor entstand. |
Grammophon Victrola: 1906 Standard-Grammophon-Modell |
Das Orchesta Tipica Select (1920)Zwar importierte Victor nach Argentinien erfolgreich Schellacks, Grammophone und später Radioapparate, den Markt der argentinischen Tangomusik dominierte aber monopolartig Odeón. 1907, 1910, 1912 und 1917 reisten Victors Techniker mit zahlreichem Aufnahmeequipement nach Buenos Aires, um argentinische Musik anschließend in Camden auf Schellack zu pressen. 1920 schließlich schickten die RCA-Manager einige junge Tango-Musiker zum Stammsitz von Victor nach Camden/USA, um dort unter dem Namen Orquesta Típica Select an die 50 Tangos aufzunehmen, die dann in Argentinien vertrieben wurden. Der verantwortliche Victor-Manager hatte verschiedene Formationen in Buenos Aires angehört und wandte sich an ein Quartett bestehend aus Osvaldo Fresedo, Enrique Delfino, Tito Roccatagliata und Agesilao Ferrazzano, wobei letzterer wegen Verpflichtungen in Buenos Aires die Reise per Dampfer in die USA nicht antrat. Ende August 1920 nahmen die drei, wohl unter Leitung von Roccatagliata, der sich auch um die Arrangements kümmerte, und erweitert um einen klassisch ausgebildeten Cellisten und einen weiteren Geiger, die in den USA dazustießen, 50 Tangos und eine Handvoll Solostücke auf, die aber weder in den USA noch in Argentinien auf große Resonanz stießen. Die Drei erhielten zwar jeweils 5000 Dollar sowie die Möglichkeit, ihre Musik in den Rillen der Schellacks zu verewigen, in Camden kümmerte sich aber weiter kaum jemand um sie, ihre Auftritte im Gaucho-Kostüm stießen im jazzbegeisterten New York auf wenig Resonanz. 1922 eröffnete Victor endlich ein eigenes Aufnahmestudio in Buenos Aires. Doch Victor fehlten Tango-Musiker, vor allem weil 1925 auch noch Victors einziger Tango-Superstar, Osvaldo Fresedo, zu Odeón gewechselt war. Victor wollte die Lücke mit einem eigenen Hausorchester füllen. Dies war die Geburtsstunde des Orquesta Típica Victor. |
Orquesta Típica Select - 1920
NipperRCA wählte 1902 als Logo einen Hund, der aufmerksam einem Grammophon lauscht. Nipper, listening His Master’s Voice basiert auf einem 1899 in London entstandenen Gemälde, wanderte auf Schellacks und Grammophonen rund um den Globus und gilt als eines der weltweit erfolgreichsten Logos. |
Das Orquesta Típica Victor (1925 - 1943)Der musikalische Leiter von Victor Argentina, Adolfo Carabelli, wurde 1925 beauftragt, ein sogenanntes Hausorchester aus herausragenden Tango-Musikern zusammenzustellen. Hausorchester fanden sich nur zu Studioaufnahmen zusammen und traten nie live auf, die Besetzung wie auch die musikalische Leitung wechselte. Neben dem ersten Leiter, Luis Petrucelli, prägten unter anderem Carabelli selbst, Federico Scorticati (1936-1943) und in den 1940er Jahren Mario Maurano (1943-449) den Klang des OTV. Neben Carabelli, einem herausragenden Pianisten, spielten Musiklegenden wie der Geiger Cayetano Puglisi oder Ciriaco Ortiz am Bandoneon in der Stammbesetzung, aber auch Pedro Laurenz oder Aníbal Troilo sind auf einigen Aufnahmen zu hören. |
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Wegen der gelungenen Kombination aus akzentuiertem Rhythmus in eher traditionellem Stil mit solistischer Virtuosität waren die Aufnahmen des OTV sehr populär. Um den Profit weiter zu steigern, warf Victor seine Musiker außerdem als andere Gruppen, mit nur leicht variierender Zusammensetzung als Orquesta Victor Popular, Orquesta Radio Victor Argentina, Orquesta Victor Internacional, Cuarteto Victor, Quinteto Victor oder Trio Victor auf den Markt. Und noch komplizierter wird die Zuordnung, weil Adolfo Carabelli auch noch mit vielfach denselben Musikern unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, während Ciriaco Ortiz gleichzeitig das Orquesta Típica Los Provincianos leitete. Aber auch herausragende Stimmen angefangen mit Alberto Gómez und Carlos Lafuente über Ángel Vargas bis zu Alberto Carol, der Anfang der 40er-Jahre für Victor sang, trugen zur großen Popularität bei. Da die Arrangements nur im Studio funktionieren mussten, erweiterte das OTV das Instrumentarium auch mal um Schlagzeug, Posaune, Fagott, singende Säge oder Glasorgel. Dies war auch deswegen nötig, weil das kommerziell ausgerichtete Studioorchester seit den frühen 30er Jahren und dann immer zahlreicher neben Tangos, Valses und Milongas auch viele der damals sehr beliebten Otros Ritmos wie Foxtrotts, Polkas, Rancheras, Märsche oder Rumbas ins Wachs ritzte, sodass Tangoaufnahmen Ende der 30er eher zur Ausnahme wurden. Um und nach 1940 hatte RCA Victor schließlich selbst genug erfolgreiche Orchester im Portfolio, ein Hausorchester brauchte es nun nicht mehr. |
Andere HausorchesterDoch das OTV war nicht das einzige Hausorchester. Schon kurz nach 1900 existierten die Orquesta Columbia und Orquesta Polyphon, um 1930 überzeugte neben dem OTV insbesondere das Típica des argentinischen Plattenlabels Brunswick (1929-1932), das zunächst von der Bandoneon-Legende Pedro Maffia sowie von 1930 bis 1932 vom späteren D´Arienzo-Pianisten Juan Polito geleitet wurde. Bekannte Titel sind Volverás otra vez, El Penado 14, Que bomboncito oder Chamuyando. |
Tipica Brunswick - La Cumparsita - 1931 |
Pop verdrängt den TangoDer Club del ClanIm Anschluss an die Goldenen Jahre nach 1940 verlor der Tango im Laufe der Fünfziger aus verschiedenen Gründen immer mehr an Popularität, und auch die Platten-Verkäufe von RCA Victor argentinia stagnierten, vor allem wegen der großen Popularität ausländischer Genres wie des Rock'n Roll oder verschiedener Latino-Stile.Abhilfe sollte der aus Ecuador stammende Marketing-Manager Ricardo Mejía bringen. Zwar kümmerte er sich mit der Serie Tango for Export auch um Argentiniens traditionelle Musik, vor allem aber setzte er erfolgreich auf die Jugend und neue musikalische Strömungen wie den Rock'n Roll und lateinamerikanische Popmusik und steckte all seine Energie in junge Musiker, deren kurzlebige, aber erfolgreiche Produkte er als die Neue Welle vermarktete. Dies waren hauptsächlich lebendige mittel- und südamerikanische Rhythmen, aber auch poppige Tangointerpretationen, z.B. von Raúl Lavié. Sein zweites Ziel war es, den argentinischen spanischsprachigen Musikmarkt gegen die Importflut englischsprachiger Musik aus den USA zu verteidigen. Geschickt und innovativ vermarktete er seine jungen Stars nicht nur im Radio, sondern sehr erfolgreich crossmedial auch im Fernsehen mit der sehr populären Sendung El Club del Clan. Er war auch einer der ersten, der Compilations verschiedener Musiker veröffentlichte. |
El club del clan (biografico) - Eine DokuLieß Mejia die Tango-Master zerstören?Horacio Ferrer setzte das Gerücht in die Welt, dass Mejía durch ein Feuer die alten Tango-Master, massive Metall-Rohlinge, die als Originale die Grundlage für die Schellackproduktion bildeten und auf denen Jahrzehnte an Kulturgeschichte konserviert waren, vernichten ließ, um Platz für die Musiker der Neuen Welle zu schaffen. Dies lässt sich historisch nicht belegen. Wahr ist, dass Mejía von einer extremen Kurzlebigkeit musikalischer Erzeugnisse ausging und wenig Interesse zeigte, Altes zu konservieren. Die platzraubendenden Master wurden - wie im übrigen auch überall anders auf der Welt und in anderen Genres - teilweise tatsächlich entsorgt oder schlecht gelagert. Manches wurde auch auf das aktuelle, moderne Medium Magnetbänder überspielt. Da der Tango während der Zeit der Diktatur immer mehr ein Nischendasein führte und die Bänder unsachgemäß gelagert und teilweise auch tatsächlich entsorgt wurden, ging vieles auch nach und nach in den 70ern und 80ern verloren. Ein großer Teil der Verfalls fand also erst nach Mejía statt. Tatsache ist, dass ein Großteil der Master nicht mehr zur Verfügung steht und die Tangos, Valses und Milongas von den noch vorhandenenen Schellacks transferiert werden müssen. Die CD-Zusammenstellungen, die in den 70ern, 80ern und 90ern entstanden, überzeugen klanglich oft nicht besonders, erst im letzten Jahrzehnten bieten www.tangotunes.com und www.tangotimetravel.be überzeuzende Transfers an. 1978 gingen die Rechte von RCA Victor, und damit auch dessen Tango-Katalog, an die deutsche BMG über, RCA Victor argentina existiert heute nicht mehr. |
Wichtige Musiker des OTVAdolfo Carabelli (1893 - 1947)Carabelli, in Buenos Aires zum klassischen Pianisten ausgebildet, war ein so herausragendes Talent, dass er ab dem zarten Alter von 15 Jahren bei italienischen Meistern in Bologna zum Komponisten und Konzertpianisten ausgebildet wurde, bis ihn der erste Weltkrieg zur Rückkehr zwang. 1917 entdeckt er Rag und Dixiland für sich, und er verlieh diesen frühen Formen des Jazz, für die er sich leidenschaftlich begeisterte, mit seiner an klassischer Musik geschulter Technik eine in Argentinien nicht gekannte Qualität. Seine River Jazz Band machte früh Schellack-Aufnahmen, erklang regelmäßig im seit 1922 langsam entstehenden Radio und bestand parallel zu Carabellis Tango-Combos weiter. 1925 wurde Carabelli, damals einer der besten Musiker der Stadt, musikalischer Direktor von RCA-Viktor in Argentinien. Während er mit den von ihm geleiteten verschiedensten Tango-Bands nur Studioaufnahmen machte, trat er mit seiner Jazzband auch live auf. Wohl wegen eines Liebesdramas zog er sich aus BA um 1940 in seine Heimatstadt San Fernando zurück, beschränkte sich darauf, Klavierunterricht zu geben, und starb dort 1947 einsam und zurückgezogen. |
Tanda of the week: Adolfo Carabelli. Tango lyrics translated. Plus a short tutorial!von Richard aus Holland >hier |
Elvino Vardaro (1905-1971)Über viele Jahre prägte die Geigenlegende mit herausragendem Klang und einer verspielten Bogentechnik den Klang der Hausorchester des Hauses Victor. Schon mit Vierzehn stand er auf der Bühne, mit 17 engagierte ihn Juan Maglio (Pacho), im nächsten Jahr finden wir ihn bei Firpo, zusammen mit der zweiten Geigenlegende der Jahre, Cayetano Puglisi. Vierzehn Jahre prägte er den Klang des OTV, spielte nach 1940 mit Fresedo das legendäre Buscandote ein, wirkte Ende der Fünfziger in Formationen von Piazzolla sowie im letzten Orchester von Di Sarli. Er zählt zu den Tango-Persönlichkeiten, die über Jahrzehnte auf der Bühne und im Studio mit großer Präsenz die Entwicklung des Tango mitgestalteten, aber nie mit einem eigenen Orchester große Erfolge feiern konnten. Einzig zu Beginn der Vierziger leitete er das Jazz-Orchester Brigthon Jazz. |
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Ciriaco Ortiz (1905 - 1970)Geboren in Cordoba entwickelte sich Ciriaco, später bekannt für sein unvergleichliches, emotionales Phrasierungsspiel und seinen tiefen, melancholischen Ton, schon als Jugendlicher, angeleitet vom ebenfalls Bandoneon spielenden Vater, Besitzer einer Musikkneipe (=Boliche), zum extrem versierten Bandoneonspieler. 1923 nahm ein Tangomusiker auf Durchreise den Achtzehnjährigen von Cordoba mit nach Buenos Aires. Ortiz zählte, neben zahlreichen anderen Aktivitäten, ab 1925 zur Stammbesetzung des OTV, dem er bis zu dessen Ende verbunden blieb, und leitete ab 1929 parallel ein Trio. Die Jahrzehnte später enstandenden Aufnahmen seines Sextetts von 1952/53 vereinen Melodie, Ruhe und Verspielheit, z.B. Recuerdos de la pampa Im Mai 1969 eröffnete der Sänger, Gitarrist und Komponist Edmundo Rivero das Viejo Almacen, in den Siebzigern einer der wenigen Orte, an dem Tango in Buenos Aires lebendig blieb. Ciriaco Ortiz stand hier bis zu seinem plötzlichen Tod in verschiedensten Besetzungen regelmäßig auf der Bühne. |
Trio Ciriaco Ortiz mit den Gitarristen Ramón Andrés Menéndez und Vicente Spina
Ciriaco Ortiz im Viejo Almacen 1970 mit dem Gitarristen Ubaldo de Lio, mit dem er auch noch Aufnahmen machteTrio Ciriaco Ortiz - Juro (1936)Alejandro Larenas & Marisol Morales - Turin - 2024 |
OTV und Rodolfo Carabelli für Tänzer
TangosFrische Oldstyle-Tangos um 1930Die Tangos des OTV zählen sicher zu den ältesten Aufnahmen, die man heute auf Milongas hört. El entrerriano (1927, Instrumental) schießt mit wildem, modernem Arrangement aus dem Lautsprecher, andere Oldtimer wie Rodríguez Peña (1928, Alberto Gómez) oder Niño Bien (1928, Instrumental) gehen es ruhiger an. Besonders beliebt auf Encuentros sowie bei Tangoshows sind wegen der rhythmischen Spielerein Viento Norte und Coqueta (1929) oder auch Inspiracion (Alberto Gómez, 1932). Etwas jüngere Nummern wie Nunca Tuvo Novia (1930, Carlos Fafuente), Carillón de la merced (1931, Ernesto Fama) mit dem charakteristischen Kirchenglockenläuten als Auftakt, oder C.T.V. (1932, Instrumental) erscheinen vielen Tänzern sicher genauso als Ohrwürmer wie die ebenfalls 1932 entstandenen Caraballi-Gassenhauer El Trece, Alma, Mentira oder Por donde andará mit dem OTV-Sänger Alberto Gomez oder das sehr feine Cuatro Palabras von 1933 mit Charlo. |
Viento norte - 1929 - InstrumentalCarlitos Espinosa e Noelia Hurtado - Belgrad - 2019Cuatro Palabras - 1933 - CharloMurat Erdemsel und Michelle Lamb - Paris - 2009 |
Ventarron - 1933 - Alberto GomezMurat Erdemsel und Michelle Lamb - Belgrad - 2014 - Murat und Michelle tanzten Colgadas wie wenige!!! |
Coqueta - (1929)Santiago Castro & Misun Kang - Seoul - 2019 |
Alma - Adolfo Carabelli - 1933 - Alberto GomezLucila Cionci & Rodrigo "Joe” Corbata - Austin - 2017 |
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La Guinada - (1932)Michael Nadtochi - Eleonora Kalganova - ?? - 2022 ?? |
Gereiftes um 1940Natürlich passte sich ein kommerziell orientiertes Hausorchester an die jeweiligen musikalischen Moden an. Wilde Instrumentalstücke wie Tango Milonguero und Barrilito (beide 1940) oder El Ponchazo (1941) beglücken D’Arienzo-Uptempo-Fans. Ganz im Gegensatz dazu rühren die drei Jahre später 1944 unter der Leitung des Pianisten Mario Maurano und mit dem Sänger Alberto Carol aufgenommenen Tangos der letzten Aufnahmerunde des OTV jedes (sensible) Herz. Bajo el cono azul, Mi taza de café, Anoche a las 4 ergeben zusammen mit Una vez eine besonders elegante, subtile Tanda, die zu feinfühligem Tanzen einlädt. |
Lo vi en tus ojos - Alberto Carol - 1944Loukas Balokas-Georgia Priskou - Catania/Sizilien (2017) |
Bajo El Cono Azul - Alberto Carol - 1944Fausto Carpino y Stephanie Fesneau - Aix en Prevence (2024) |
Un Vez - Alberto Carol - 1944Alexa Yepes - Edwin Espinosa - 2024 |
ValsesAnhänger einfacher früher Aufnahmen werden A la mar se fue (1932, Carlos Lafuente, Luis Díaz), Amor y celo (1933, Carlos Lafuente) oder Volvió la Princesa (1933, Carlos Lafuente) lieben. Während diese Werke mit Tangogeschwindigkeit (66bpm) zum gemütlichen Drehen animieren, laden Sin rumbo fijo (1938, Ángel Vargas), Anita, das Ausnahmestück Temo (1940, Mario Coralles), das für mich zu den schönsten Valses überhaupt zählt, sowie der mit Hühnergackern garnierte Aufwecker Valzer del mattina (1941, Gino del Forsini, italienischer Text) mit ausgeklügelten Arrangements zu rasanten Karussellfahrten ein, die sich dem Tempo einer langsamen Milonga annähern. |
Amor y celo - Carlos Lafuente - 1933Gaby Mataloni & Inés Muzzopappa - 2022 - San Francisco |
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Amor Cobarde - Alberto Gomez - 1933Silvina Tse und Michael Nadtochi - Kiev - 2022 |
Temo - Mario Coralles - 1940MilongadelTreno - Filmschnitt: Follow the fleet - 1936 |
Temo - Mario Coralles - 1940Juan Pablo Ramirez and Daniel Arroyo - Berlin - 2019 |
Sin rumbo fijo - Angel Vargas - 1938Juan Amaya y Valentina Garnier - Club Gricel/Buenos Aires - 2022 |
MilongasCacareando (1933, Carlos Lafuente) steckt, wie der Titel schon ankündigt, voller gackernder Fröhlichkeit und ist damit genauso unverwechselbar wie der Milonga-Klassiker Milonga de los Fortines (1937, Instrumental), der sich mit seiner außergewöhnlichen Trompetenfanfare als Auftakt zu erkennen gibt, die an das Dasein des einsamen Soldaten im Fort in der Pampa erinnert. Voller lustiger Spielereien ist das Instrumentalstück De punta y hacha. (1941) |
CaraeandoVirginia Pandolfi y Santiago Castro - Mujercitas Tango Festival, Buenos Aires- 2013 |
DiskographieLa Milonga di Alvin stellt eine vollständige Diskographie einschließlich der jeweiligen Direktoren bereit. |